Und das ist Kunst?. Eine Qualitätsprüfung

Hanno Rauterberg


Im Sog des Kapitals.

Was ist gute Kunst? Drei Publikationen schwanken zwischen Ratgeber, Marktübersicht und Kunstkritik.

Als Grand Tour wurde im vergangenen Sommer die Reise zu den Großausstellungen in Venedig, Basel, Münster und Kassel vermarktet. Der Vergleich mit den Bildungsreisen, bei denen die Aristokratie und später auch das gehobene Bürgertum ab dem 17. Jahrhundert die wichtigsten Baudenkmäler und Kunstwerke Europas abklapperten, stellte sich aber als reichlich unpassend heraus.

An die Stelle der tiefen Berührung, die noch ein Goethe an den antiken Stätten Italiens empfinden konnte, trat bei der Fahrt zur zeitgenössischen Kunst eher Ratlosigkeit. Noch nie vermochten Documenta und Co. ein so großes Publikum anzuziehen wie heute. Und doch bleibt diffus, was für einen Gewinn die Betrachter aus diesem Konsum ziehen. Insofern überrascht es nicht, dass eine Reihe von Neuerscheinungen die Gründe des aktuellen Kunstbooms zu erklären und zu definieren versucht, was "gute Kunst" sein soll.

Während die Kunst im 19. Jahrhundert um ihre Befreiung aus feudalen und klerikalen Abhängigkeiten kämpfte, versuchten sich die kapitalismuskritischen Avantgarden der letzten hundert Jahre vom Kunstmarkt abzusetzen und ihre Autonomie durch die Verleugnung kommerzieller Zwecke zu behaupten. Wie sehr diese Selbstständigkeit von Picasso et al. realisiert wurde, sei dahingestellt, aber zumindest als hehres Ideal blieb sie aufrecht.

Mehrere Faktoren untergraben diese historische Errungenschaft heute: Die Popularisierung von Kunst verwandelt Museen, die lange für das Bürgertum als pseudosakrale Andachtsorte funktionierten, in städtetouristische "Edutainment"-Zentren. Blockbusterausstellungen, Biennalen und Kunstmessen sind zu Massenevents geworden, die die einstige Bildungsforderung nach einer "Demokratisierung von Kunst" auf eine höchst oberflächliche Weise einlösen.

Parallel zu diesen Veränderungen im Ausstellungswesen befindet sich der globale Kunstmarkt seit der Jahrtausendwende auf einem nie da gewesenen Höhenflug. Fast jede Art von Kunst lockt heute als Distinktionsmittel oder Wertanlage in die Messekojen. Und selbst alternative Produzentengalerien - einst Hort widerständiger Selbstbestimmung - begreifen sich heute nur mehr als Zwischenstation auf dem Weg zum Markterfolg.

Auf eine "Entdeckungsreise in ein faszinierendes Milieu" will der Band "Hype! Kunst und Geld" von Piroschka Dossi den Leser mitnehmen. Zum Glück ist die Publikation der Münchner Kunstberaterin nicht so schlecht wie ihr Klappentext. Dossi schreibt flott und versteht es, in kurzen Kapiteln eine Fülle von Fakten und Anekdoten zu verknüpfen. Ökonomische oder soziologische Analysen des Kunstmarktes darf man sich hier nicht erwarten, dafür werden immer wieder gute historische Vergleiche zur aktuellen Situation gezogen, etwa zum Handel mit Reliquien: "Beide Systeme basieren auf dem Glauben." Die Autorin versucht nicht aus der Qualität heraus zu erklären, warum manche Kunstwerke so viel mehr wert sind als andere. Lieber leuchtet sie die Netzwerke und Global Player aus, die heute wie damals "Künstler machen".

Es fehle einfach an Beurteilungskriterien, beschwert sich der Zeit-Journalist Hanno Rauterberg. "Und das ist Kunst?!" verspricht eine "Qualitätsprüfung". Bezeichnenderweise widmet er gleich den ersten Teil seines Buches den Funktionsmechanismen des Kunstmarktes. Mit aufdeckerischem Gestus führt der Kritiker durch die Galerien, Auktionshäuser und Depots von Großsammlern, enthüllt dabei jedoch wenig Neues. Rauterberg erklärt dem Laien den heutigen Kunstbetrieb, wobei er dessen Sensationen zwar in journalistischer Manier verbrät, letztlich aber doch die kunstsinnige Nase über diese kommerziellen Verstrickungen rümpft.

Seine bierernste "Qualitätsprüfung" zielt auf eine Fähigkeit des Konsumenten, die für Erkenntnisse über Kunst ausreichen soll: das Sehen. "Betrachten ist etwas Demokratisches", betont der Autor, der gelungene Kunstrezeption als eine Art Reise in das Innere versteht. Dass für dieses "Sehen" einschlägige Bildung vonnöten ist, lässt er leider unter den Tisch fallen.

Konzeptuelle und politische Ansätze nennt Rauterberg eher abfällig "Erkenntniskunst": "Was dabei herauskommt, ist meist weder ästhetisch noch inhaltlich besonders reizvoll." In einer denkbar oberflächlichen Exegese wird immer wieder Kants "Kritik der Urteilskraft" herangezogen, mit der in fünf Schritten zum Erkennen von guter Kunst angeleitet wird. Die Spannung zwischen subjektivem und objektivem Qualitätsurteil vermag Rauterberg nicht aufzuheben. Gleichzeitig erzählt die Willkür, mit der er Künstler wie Hanne Darboven oder Luc Tuymans abkanzelt, mehr von seinem eigenen Geschmack als von objektiven Kriterien.

Wer dennoch im Schnellverfahren Einblick in Qualitäten der Gegenwartskunst bekommen will, der sollte sich lieber "Plötzlich diese Übersicht" von Jörg Heiser zulegen. Der Berliner Kunstkritiker reitet zwar im Galopp durch die Kunstgeschichte, aber dieser Parforceritt gestaltet sich ebenso unterhaltsam wie informativ. Die Frage, "was gute zeitgenössische Kunst ausmacht", beantwortet Heiser an konkreten Beispielen, etwa wenn er die Videos von Stan Douglas gegen die von Bill Viola ins Rennen schickt. Vage strukturiert wird der Band durch die unterschiedlichen Medien Skulptur, Malerei und Videokunst.

Heiser versucht Eigenschaften der bildenden Kunst herauszuarbeiten, die sie maßgeblich von Kino, Literatur oder Theater unterscheidet. "Kunst ist im Kern anti-narrativ", erklärt der Redakteur der britischen Kunstzeitung Frieze, und es gelingt ihm, diese Qualität anschaulich in seinem Kapitel über "Kunst mit Slapstick" darzulegen. Die Parallelen, die Heiser zwischen moderner Kunst und moderner Komik zieht, sind spannend und neu. Im letzten Teil kommt auch dieses Buch auf den Kunstmarkt zurück - zum Glück nicht auf die Kassenrekorde, sondern auf die Strategien, mit denen Künstler auf den Sog des Kapitals reagieren.

Nicole Scheyerer in FALTER 41/2007



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