Der junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators 1878 - 1917

Simon Sebag Montefiore, Bernd Rullkötter


Jugendjahre eines Diktators

Er verführte 14-Jährige, verübte blutige Anschläge und spielte bei der Oktoberrevolution keine Rolle: "Der junge Stalin".

Drei mögliche Väter, zwei Dutzend Pseudonyme, ein Dutzend Freundinnen, ungefähr sechs Kinder, zahllose Überfälle, acht Verhaftungen, ebenso viele Fluchten aus Gefängnis und Verbannung - das ist Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili. Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore beschreibt nach seinem allzu sehr bejubelten monumentalen Werk "Stalin - am Hof des Roten Zaren" nun die Jugendjahre des großen Diktators.

1878 oder 1879 im georgischen Gori, einer Schlägermetropole des Zarenreiches, geboren, bekam der Sohn eines Schusters und schweren Alkoholikers haufenweise Prügel. "Sosso" Dschugaschwili wird von den Mitschülern wegen der Pockennarben in seinem Gesicht gehänselt - bald ist er der Klassenbeste. Mit einem Stipendium besucht er das Priesterseminar in der Hauptstadt Tiflis, seine romantischen Gedichte über den georgischen Rabauken Koba werden sogar gedruckt, der Vielleser (von Victor Hugo bis Tschechow) wird wegen Mitgliedschaft in einem marxistischem Zirkel oder wegen Bücherdiebstahls aus der Eliteschule ausgeschlossen.

Erstmals verhaftet wird der Georgier, der sarkastisch verkündete: "Ich bin bei den Rothschilds angestellt!" und zwischen Batumi und der Erdölmetropole Baku zahlreiche Anschläge organisiert, im Jahre 1902. Das Gerücht, wonach Stalin Agent der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, war, kann auch Montefiori nicht bestätigen. Umso detaillierter stellt er seinen größten Coup, den Überfall auf die russische Staatsbank in Tiflis im Jahr 1906, dar.

Wegen der vierzig Ziviltoten parteiintern heftig kritisiert, erwirbt sich Stalin Lenins Vertrauen, dessen Parteikassen er mit der Beute füllt. Mit Ausnahme kurzer Aufenthalte in London, Krakau und Wien (wo er seine einflussreiche Schrift zur Nationalitätenfrage verfasst) verbringt der selbsternannte Führer der Weltrevolution den Großteil seiner Zeit vor der Machtübernahme der Bolschewiki in georgischen Gefängnissen und in der sibirischen Verbannung.

"Sexkomödie im hohen Norden" ist die genüsslich-angewiderte Beschreibung seiner eher gemächlichen Verbannung an den Polarkreis betitelt. Stalin geht gerne jagen, verführt nicht zum ersten Mal eine 14-Jährige und schwängert sie. Gerade noch rechtzeitig trifft er, der keine organisatorische Rolle in der Oktoberrevolution spielt, in Petrograd (St. Petersburg) ein und schließt sich - wie immer instinktsicher und pragmatisch - Lenins Sache an.

Der junge Stalin gerät auf den 500 Seiten Seitenblicken von welthistorischer Tragweite zu einem zwar abstoßenden, aber ziemlich lebendigen Protagonisten. Der Preis dafür - viel Text und wenig politischer Kontext.

Erich Klein in FALTER 41/2007



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