Die Schock-Strategie. Der Austieg des Katastrophen-Kapitalismus

Naomi Klein


Krisenproduktionsmaschine

In "Die Schock-Strategie" erklärt Naomi Klein ihrer Fangemeinde, dass der Kapitalismus sich die Welt mit gesteuerten Katastrophen unterwirft.

Nach dem "militärisch-industriellen-Komplex" der Achtziger- und dem "Casino-Kapitalismus" der Neunzigerjahre jetzt also der "Katastrophen-Kapitalismus-Komplex". Die kanadische Journalistin Naomi Klein, die vor sieben Jahren mit ihrem Weltbestseller "No Logo" das Manifest der Globalisierungskritiker schrieb, geht es nicht darum, ein neues Label zu erfinden, sondern die Genese eines weltumspannenden Systems zu erzählen, welches sich durch ein herausstechendes Merkmal auszeichnet: Es produziert Katastrophen, nicht nur, um Profit daraus zu ziehen, sondern um sich als herrschende Machtstruktur fix zu installieren.

Am Ausgangspunkt dieser Geschichtsschreibung stehen die Elektroschockexperimente der Psychiatrie der frühen Fünfzigerjahre, die auf der Vorstellung der Entprägung des Menschen beruhten, den man als Tabula rasa dann neu und "gesund" kodieren könne. Eine zerstörerische Technik, die bezeichnenderweise ziemlich schnell von der CIA als Foltertechnik adaptiert wurde, zuletzt in Guantánamo und Abu Ghraib.

Zur gleichen Zeit wie die Elektroschockexperimente wurde an der University of Chicago ein Wirtschaftsmodell entwickelt, das ebenso von der Notwendigkeit der Tabula rasa ausging: Milton Friedmans fundamentalistisches Kapitalismuskonzept, das den Versuch der Entprägung ganzer Gesellschaften und ihrer Neuschreibung als ein System neoliberaler, "freier" Marktwirtschaft nach sich ziehen sollte.

In einem Gang durch die Geschichte der letzten fünfzig Jahre zeichnet Klein nun den Einfluss von Friedmans Schule in den unterschiedlichsten Ländern nach und stellt fest, dass diese radikalisierte Form von Marktwirtschaft niemals über den demokratischen Weg, sondern immer über Krisen und Schocks etabliert wurde, die nicht selten mithilfe von transnationalen Multis und in Zusammenarbeit mit der CIA oder anderer Regierungsorganisationen erst herbeigeführt und dann mit Terror aufrechterhalten wurde - ganz einfach, weil sie die Ausplünderung breiter Schichten einer Gesellschaft bedeute, deren Widerständigkeit es zu brechen galt.

Von Pinochets Putsch in Chile 1973 über den Ausverkauf der Sowjetunion bis zum Irakkrieg und der Situation in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina findet Klein immer wieder dasselbe Muster des Herstellens und Ausnützens einer Krisensituation, sowie der raschen, oft gar über Nacht erfolgenden radikalen Umwälzung der wirtschaftspolitischen Verhältnisse im Dreischritt: drastische Einschnitte in Sozialausgaben, Privatisierung aller staatlichen Unternehmen und Deregulierung der Märkte, begleitet von einer Politik autoritärer Regime, die vor Folter und Menschenraub nicht zurückschrecken.

Das alles unter dem Deckmantel der Demokratisierung, obwohl dabei in Wirklichkeit der korporatistische Staat entsteht, in dem wirtschaftliche Elite und politische Klasse einander zuarbeiten und es nur noch eine Umverteilungsrichtung gibt: die nach oben. Ein ausgehöhlter Staat, der nicht nur aller Funktionen beraubt ist, weil sie privatisiert wurden, sondern auch über deren Ausübung keine Kontrolle mehr besitzt.

"Die Schock-Strategie" liest sich wie ein Krimi, allein schon deshalb, weil der Kreis der "Umsetzer" von Friedmans Kapitalismuskonzept erstaunlich überschaubar ist und sich auch in den personellen Kontinuitäten eine Geschichte des Machterhalts abbildet. Der Feind bekommt hier einen Namen, gleich, ob den eines Unternehmens oder einer Privatperson.

Und doch ist es Systemkritik, die Naomi Klein betreiben möchte, wobei sie mehr an der Anwendung einer Theorie interessiert ist als an der Theorie selbst, deren Gefährlichkeit gerade darin besteht, nur reine (Wirtschafts-)Lehre sein zu wollen, reines Zahlenspiel.

Es ist das Verdienst von Naomi Klein und ihrem Rechercheteam, eine Unmenge von Fakten zusammengetragen zu haben und daraus einen Zusammenhang herzustellen. Ob dieser in der Zuspitzung einer weltumspannenden "Schock-Strategie" aufgeht, sei dahingestellt. Natürlich wird hier auch die Sehnsucht nach dem "bigger picture" punkgenau bedient. Dieses globalisierungskritische Weltbild entsteht weniger durch tiefgehende ökonomische Analysen als durch die Analogien des Schocks und des Tabula-rasa-Machens. Wobei die erwähnten Akteure sogar selbst ganz offen diese Analogien benutzen, was auch schon das Unheimlichste an diesem Buch ist.

Denn hier wird nicht die Geschichte eines Betrugs, quasi einer geheimen Mafiakorruption hinter unserem Rücken, erzählt. Nein, der Raub vollzieht sich direkt vor unseren Augen, oft mit der Billigung der Mehrheit. Dazu passt auch die alles krönende Absurdität, dass diejenigen Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Verhinderung von Krisen geschaffen wurden, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, diese gewaltigen Krisenproduktionsmaschine mitantreiben, unterstützt von einem Gutteil der humanitären Hilfe großer NGOs.

Die Aussichten sind düster: Eine Welt, aufgeteilt nach dem Muster von Bagdad, in grüne und rote Zonen, Gefängnisbereiche für die prekarisierten Arbeiter und Luxussicherheitszonen für die Reichen. Ein Bild, bekannt aus Science-Fiction-Filmen, die bekanntlich kein gutes Ende für uns bereithalten.

Dass Naomi Klein uns dennoch nicht entmutigt entlässt, mag man gleichermaßen dem Hang zur Heldenerzählung als auch ihrer politischen Agitationsfreude zurechnen. Ihr hoffnungsvoller Ausblick führt uns zuerst in Richtung Lateinamerika mit seinen Versuchen, an jenen "Dritten Weg" anzuknüpfen, der mit den Rechtsputschen der Siebzigerjahre abgeschnitten wurde, und zeigt danach gelingenden Widerstand im Libanon und in China.

Die drängende Zuversicht der Autorin gilt einem demokratischen Sozialismus. Und so ist es nur folgerichtig, dass dieses Buch mehr sein will als "nur" ein Buch, wie die Website ( www.naomiklein.org) verrät, die sogar einen "Kurzfilm zum Buch" bereithält. Eine perfekte PR-Strategie? Gut so, sage ich, denn ich wünsche ihm viele Leser.

Kathrin Röggla in FALTER 41/2007



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