Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft

Roger Schawinski


Die Welt unbegreiflich machen.

Allabendlich präsentieren die "ZiB" oder die "Tagesschau" eine Kunstwelt. Die Regeln von Nachrichtensendungen rekonstruieren Sabine Schäfer und Walter van Rossum, Roger Schawinski spießt den Quotenwahnsinn auf.

Von Bert Brecht bis Pierre Bourdieu zogen die Massenmedien immer wieder den Zorn kritischer Geister auf sich. Statt Instrument direkter Demokratie zu werden, bilde sich das Fernsehen zum Mittel symbolischer Unterdrückung aus, weil es das Beschreiben der sozialen Welt in ein subtiles Vorschreiben verwandle. Eine folgenlose Kritik, wie es scheint, denn die Medienmacher orientieren sich an der breiten Masse und die verlangt, wissenschaftlich belegt, genau die Serienbanalitäten, Filmchen, pseudokritischen Reportagen und anderen Niveaulosigkeiten, die allabendlich zur allgemeinen Information und Unterhaltung auf Sendung gehen.

Der Mainstream der Medienwissenschaften hüllt sich dazu in beredtes Schweigen. Bloß keine Kritik an der Wissenschaftlichkeit des Quotenwahns, die Experten wollen sich ihre Auftragslage nicht sabotieren. Stattdessen bekommt man auf ihren Fachtagungen systemtheoretisches Geschwätz zu hören, und freilich ist Niklas Luhmann immer noch in aller Munde, seit er das kalt-distanzierte "Beobachten" (mit entsprechend folgenlosen Beschreibungen) zur Tugend erhoben hat.

Da ist es immerhin erfrischend, wenn der akademische Nachwuchs versucht Zähne zu zeigen. Sabine Schäfer analysiert in ihrer Dissertation die "Tagesschau" der ARD mit Bourdieus begrifflichem Werkzeugkasten. Demnach tritt im Produktionskontext der Nachrichtensendung eine soziale Welt nach eigenen Regeln und Prinzipien hervor, während gleichzeitig ein universeller Anspruch erhoben wird. Schade eigentlich, dass diese Arbeit ihr großes kritisches Potenzial auf dem Altar der akademischen Qualifikation geopfert hat. Ihr Zwang, sich im Feld der Journalismusforschung an gefälliger Stelle zu positionieren, ist nicht zu übersehen.

In einem Nachruf auf den altgedienten "Mr. Tagesschau" Karl-Heinz Köpke hieß es, viele Zuschauer hätten ihn für den deutschen Regierungssprecher gehalten. Der amtliche Ton des Sprechers mag das Seine dazu beigetragen zu haben, aber es geht auch um das Prinzip. Dieses identifiziert Walter van Rossum anhand der "Tagesschau" in der "Kunst, binnen 15 Minuten die Welt mit feiner Unbegreiflichkeit zu verhüllen".

Schierer Pragmatismus leite die Nachrichtenredakteure, sonst nichts. In der tiefenhermeneutischen Analyse einer einzelnen Sendung zeigt sich, wie die Aufhebung tagesaktueller Ereignisse in einer konsensuellen Sprachregelung funktioniert. Im ritualisierten Sprachduktus verbrämt, schreite die Weltwahrnehmung der Nachrichtenarbeiter entschlossen die längst abgesteckten medialen Pfade ab, denn "Journalisten beobachten nicht die Welt, sondern fast ausschließlich andere Medien".

Günther Anders fand einst dafür den Ausdruck der Verbiederung. Die Weltwahrnehmung wird in einer Art und Weise zurechtgelegt, die nicht das kritische Verständnis fördert, sondern sie lediglich in den vorhandenen Rahmen einpasst.

Walter van Rossum schildert detailliert, wie die Medienirrealität der Abendnachrichten entsteht. Er gesteht wohl zu, dass Politik nur auf der Ebene einer durch Medien symbolisch hergestellten Realität erfasst werden kann. "Doch man zeigt uns diese Realität nicht, man zeigt uns ein Simulacrum, das größtenteils aus Verlautbarungen besteht, die eigens für die Tagesshows geschaffen wurden."

Der Rest werde wirklichkeitsnah erfunden, um als Information in ein bestimmtes politisches Deutungsschema zu passen. Doch der Autor polemisiert weniger, als es nun scheinen mag, vielmehr legt er eine fulminante Analyse eines kleinen Ausschnitts aktueller Medienwirklichkeit vor, der für das Ganze spricht.

Das Privatfernsehen leistet sich lieber gleich die Abschaffung der Infomagazine wie bei Sat.1 seit vergangenem Sommer. Ex-Senderchef Roger Schawinski, ein Schweizer Journalist und Medienmacher, hat ein recht selbstgefälliges Buch über seine Zeit bei Sat.1 geschrieben, das aber doch ein wenig hinter die Kulissen blicken lässt. Schawinski tut so, als wäre er mit dem Versuch gescheitert, mehr Qualität im privaten Fernsehprogramm durchzusetzen. Gleichzeitig streicht er den überhandnehmenden Einfluss der Finanzinvestoren heraus.

Auf den ersten Blick scheint alles logisch: Solange man genug Publikum erreicht, stimmen die Werbepreise, und dann könnte man ja auch qualitativ besseres Programm machen. Schawinski führt einige der Schwierigkeiten vor, die sich dabei in der Praxis ergeben. Die Entstehung von platten Serien und billigen Shows, importierter Telenovela-Schrott, einige fahrige Anmerkungen zur Produktionsqualität US-amerikanischer Serien, mehr ist über das Senderkonzept von Schawinski jedoch kaum zu erfahren.

Das Publikum anerkenne Qualität ohnehin nicht, wenn es sie denn bekomme, so sein Fazit.

Das "Publikum"? Letztlich geht es dabei um ein durch Marktforschungsdaten konstruiertes Phantom. Die Einschaltquote bedeutet weder Zustimmung noch Ablehnung seitens der Zuseher, ja nicht einmal, dass diese überhaupt zusehen. Die Quote misst lediglich, ob ein Gerät läuft und auf welcher Frequenz, sie wird bei einer Testgruppe erhoben und auf die Gesamtheit der Zuschauer hochgerechnet! Dass Medienwirkung nicht wirklich messbar ist, weiß jeder Wissenschaftler, der seine Seele noch nicht an die Marktforschung verkauft hat.

Medienmanager brauchen deren Daten zwecks Werbezeitvermarktung. Es reicht also nicht, Qualität einzuklagen und dafür dann doch wieder den Maßstab des Konsumentenverhaltens anzulegen. Tatsächlich ahnt Schawinski etwas davon, sonst würde er nicht in Interviews verkünden, dass diese Blase demnächst platzen werde.

Das offene Geheimnis ist, dass es hier nicht um Privatfernsehen geht, sondern um Unternehmerfernsehen - da wird beinhart nach Aufwand und Ertrag gerechnet. So kommt es zum Paradox, dass sogar erfolgreiche Sendungen abgesetzt werden, sobald die Kasse nicht stimmt. Nicht zuletzt darum ist aus dem Fernsehen heutzutage eine intellektuelle Nötigung geworden.

Frank Hartmann in FALTER 41/2007



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