Also bin ich froh

A.L. Kennedy, Ingo Herzke


In ihrem jetzt erst übersetzten Roman "Also bin ich froh" erweist sich A.L. Kennedy einmal mehr als Meisterin abgründiger Liebesgeschichten.

Die Schottin A.L. Kennedy ist eine grausame Autorin. Dabei fangen ihre Bücher meist ganz harmlos an. "Ich bin ganz auf der sicheren Seite", sagt die Radiosprecherin Jennifer M. Wilson, die sich in ihrer von Außengeräuschen abgeschirmten Berufs- und Lebenswelt gegen Unvorhergesehenes gut gewappnet hat. Zwar verrichtet sie ab und zu diese "seltsamen Turnübungen" namens Sex, in denen sie keinen Sinn erkennt, aber als "Ablenkungsexpertin" hat sie eines Tages erfreut entdeckt, wie leicht man selbst durch Intimverkehr Nähe vermeiden kann. Jennifer will nur eines: ihre Ruhe. Aber mit der ist es abrupt zu Ende, als ein neuer Zwischenmieter namens Martin in ihrer kleinen Wohngemeinschaft auftaucht.

Dieser Martin, der Jennifers Leben von innen nach außen kehrt, unschöne Erinnerungen und ebensolche Eigenschaften der Ich-Erzählerin an die Oberfläche steigen lässt, besitzt die "Ausstrahlung eines poetisch veranlagten Preisboxers oder eines tanzenden Schlachters" - "betulich brutal oder brutal betulich". Und gleicht darin der Literatur seiner Erfinderin A.L. Kennedy, die sich schon in ihrem bereits 1995 erschienenen und erst jetzt übersetzten Roman "Also bin ich froh" mit knapp dreißig Jahren auf der Höhe ihrer Kunst befindet. Einer Kunst, die stets unter dem Deckmantel des Allernormalsten daherkommt, um den Leser mit einer beunruhigenden Mischung aus Gewalttätigkeit und Pathos von hinten zu überfallen. Ironisch und um Wahrhaftigkeit ringend, lakonisch und überbordend emotional.

Ja, ihre Geschichte sei "schwer zu glauben", räumt Jennifer ein und bietet dem Leser an, sie als Fiktion zu betrachten - obwohl sie beteuert, nichts als die reine Wahrheit zu berichten. Über Martin, der sich selbst Savinien nennt, nicht weiß, wie er in das fremde Haus in Glasgow geraten ist, der in der Dunkelheit bläulich leuchtet und beansprucht, so etwas wie der wieder geborene Geist des Dichters, Soldaten und Libertins Hector-Savinien de Cyrano de Bergerac (1619-55) zu sein.

Mit diesem Wüstling, der sich in der Zivilisation des ausgehenden 20. Jahrhunderts, zumal der politisch-sozialen Realität der Thatcher-Ära, nicht zurechtfindet, auf Monate verschwindet, unkontrolliert in Gewalttätigkeit ausbricht, von Ehre schwafelt und zärtliche Briefe in Altfranzösisch verfasst, erlebt Jennifer eine der erstaunlichsten Liebesgeschichten, die man seit längerem gelesen hat. Eine Liebesgeschichte wider Willen oder vielmehr gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Zuckerbrot und Peitsche - das sind die Begriffe, unter denen sich sowohl die Helden als auch das Lektüreerlebnis dieses Buches zusammenfassen lassen, einer Geschichte über zwei verlorene Seelen, über Liebe und Tod, Einsamkeit und Intimität, die zu einem nicht geringen Teil von Kennedys Dialogkunst lebt (inklusive eines einzigartigen Nuancenreichtums von Sprachlosigkeit - vom einfachen "Hm" über "Hmffm" und "Hhraff" bis zum elaborierten "Hhrrmf"). Starker Tobak zum Teil, der die Alchemie einer empfindsamen Liebe aufs Äußerte kontrastiert - von einem minutiös geschilderten Drogenentzug über sadistische Entgleisungen bis zur Verspeisung eines elenden Straßenköters.

"Ich lernte, wie es ist, allein zu sein. Es war mehr von mir da, was allein sein konnte. Es tat weh", sagt Jennifer, als sie erkennen muss, ihre Unantastbarkeit verloren zu haben. Und versucht dem Leser ihre Affäre mit einem seit über dreihundert Jahren toten Dichter, der sich zum Schluss in nichts auflöst, als so etwas wie den Eintritt in die Realität des Lebens zu verkaufen. Eine gelungene Fiktion ist sie allemal.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2004



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