McKinsey kommt Molières Tartuffe. Zwei Theaterstücke

Rolf Hochhuth


Schmal ist der Grat zwischen Globalisierungskritik und einem Antikapitalismus der dummen Kerls. Über Rolf Hochhuth und das aktuelle Feindbild des Unternehmensberaters.

Der Dichter hat ein Gespür für die große Geste. Vor ein paar Wochen hat Robert Menasse eine Philippika gegen den globalisierten Kapitalismus losgelassen und ein Plädoyer für Engagement gehalten, das einiges an Erstaunen auslöste. Jetzt ist er, hat er uns wissen lassen, Attac beigetreten - folgerichtig, wie man so sagt. Und hat in der Zeit noch einmal nachgelegt, hat das Bild einer neuen, grandiosen Dichotomie entworfen, das Bild von der Intensität eines neuen Kriegs der Klassen. Nicht mehr Proletariat und Bourgeoisie stehen sich, bereit zum historischen Showdown, gegenüber, sondern "die Globalisierungseliten und die Globalisierungskritiker".

Chapeau. Man hat das von Robert Menasse nicht erwartet - und doch liegt er voll im Trend. Fast schleichend hat sich in den vergangenen Jahren ein Bild - eine Art der spontanen Weltdeutung - durchgesetzt, das differenziert und zugleich simpel ist. Die feurigen Reden über den Homo Oeconomicus, die Politik von "Reform" und "Effizienz", das, was man die "Ökonomisierung aller Lebensbereiche" nennt, haben bei vielen Menschen eine Abwehr gegen eine eindimensionale ökonomische Vernunft erzeugt. Und zugleich weiß natürlich jeder, dass auch die Kritiker des Kapitalismus keine Alternative zu diesem kennen; ja, dass es nicht die drei, vier, fünf Maßnahmen gibt, die man nur durchzusetzen habe, um den gesellschaftlichen Zug wieder auf ein besseres Gleis zu setzen; und dass es wohl eher um partielle Gegenstrategien, um Dissonanzen gehen wird, die kreuz und quer verlaufen, als um eine Konfrontation zwischen schroff geschiedenen Sphären von "Herrschenden" und "Beherrschten". Über diese komplexe Konstellation hat sich aber zugleich ein plakatives Bild gelegt: Hier die globalisierten Eliten in ihren grauen Business-Suits, in ihren Tagungs- und Konferenzhotels, Flughafenlobbys und Stahl-Glas-Bürohäusern, diesen Nichtorten erhöhter Mobilität, den Kulissen des Sozialen - jenseits von Raum und Zeit. Figuren ohne Eigenschaften, Gefühlszombies, die keine Biografie mehr haben, sondern nur mehr ihren eigenen Geschäftsbericht leben. Und da alle anderen, eine schillernde Buntheit aus Exkludierten, kleinen Leuten, Vorstadtkids, Künstlern und Lebenskünstlern - die nicht dazugehören, weil man sie nicht lässt, oder die nicht dazu gehören möchten, weil sie "das nicht leben" wollen, wie es in einem der René-Pollesch-Stücke heißt, die im Grunde von nichts anderem handeln.

Kurzum: Hier die McKinseys - und da die echten Menschen.

Denn McKinsey, die globale Unternehmensberatungsagentur, ist zur Metapher für einen außer Rand und Band geratenen Kapitalismus geworden. Die Consulter, die Firmen, Institutionen und Behörden beim Sparen, Outsourcen, Downsizen, Re-Engineering, Redimensionieren helfen und nichts als Zahlen und Effizienz im Kopf haben, geraten zum Phänotypen. Rolf Hochhuths Stück "McKinsey kommt", jüngst in Brandenburg uraufgeführt und vom Dramatiker am vergangenen Sonntag im Volkstheater präsentiert, ist da nur eines der Indizien. Das Stück, von der Kritik allgemein und zu Recht verrissen (weil es wie ein Flugblatt oder ein Leitartikel wirkt, der mit verteilten Rollen verlesen wird), ist eine wüst raunende Verwünschung gegen die "Hydra" aus Banken, Konzernen und Beratern, die in der kaum verhohlenen Nostalgie nach einer Zeit mündet, in der "die Geldsäcke noch Schiss" hatten, "Terroristen würden sie entführen und platt machen". Hochhuth: "Es wird eine Revolution kommen."

Was immer schief läuft, die Geldsäcke sind schuld, und besonders schuld sind die Berater, diese McKinseys, diese Physiognomien einer neuen, globalisierten "Herrenschicht" (so Konrad Adam in der FAZ!). Das ist die neue Melodie. Nur sollte man nicht übersehen, dass das auch ein ziemlich plumpes Lied ist. Soweit das Prinzip McKinsey als Chiffre genommen wird, als Chiffre für totale Ökonomisierung oder als repräsentativer Typus einer neuen, global aktiven Hyperklasse, ist dagegen wenig einzuwenden. Aber sobald McKinsey, das eher ein Symptom für Umstrukturierung ist, als deren eigentlicher Motor gesehen wird, kippt das Motiv in eine Art Antikapitalismus der dummen Kerls. Man muss sich dann nicht mehr mit den Imperativen und ökonomischen Prozessen eines digitalisierten, globalen Netzwerk-Kapitalismus auseinander setzen, in dem kaum einer noch Macht im engeren Sinn hat und auch der Mächtigste nur eine Marionette der großen Weltwirtschaftsmaschine ist, man hat dann endlich wieder konkrete Personen, auf die man mit dem Finger zeigen kann - diese smarten Klone, die alle gleich aussehen und alle das gleiche blödsinnige Zeug reden ("Diversifizieren", "Konzentration auf das Kerngeschäft", "Unique Selling Proposition" .

Unlängst wurde ich von einem Berliner Theater, das sich jetzt wieder mit der Funktionsweise des "Systems" auseinander setzen will, zu einer Diskussion mit dem Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit eingeladen, der ein Buch geschrieben hat, das "Unser effizientes Leben" heißt (und zwar deshalb, weil der ursprünglich geplante Titel, "Die McKinsey-Gesellschaft", von McKinsey untersagt worden war). Thema der Abends: "McKinsey und Marx". In seinem Buch beschreibt Kurbjuweit im Detail pointiert und auch amüsant, welche Auswirkungen der "Terror der Ökonomie" hat - berichtet von Pfarrern, die ihre Predigt "eine Dienstleistung am Kunden" nennen und sich als Anbieter "auf dem Markt für Sinn-Angebote" sehen, und er weist darauf hin, dass heute auch der, der "nicht von McKinsey beraten wurde, denkt und handelt, als sei er von McKinsey beraten worden". Und sein Lamento, dass das Authentische verloren gehe, wenn alles auf Effizienz getrimmt ist, ist gewiss sympathisch.

Das Frappierende ist aber etwas anderes. Jenseits dessen, gewissermaßen als Globalperspektive, die sich über diese Beobachtungen legt, entwirft er ein allgemeines Panorama, das sich etwas verkürzt etwa so zusammenfassen lässt: Die Welt wäre schön, es gäbe noch Inseln der Langsamkeit und Nischen, in denen das Kommerzprinzip nicht herrschen würde, wenn es nicht die Unternehmensberater gäbe. Diese, eine verschworene Sekte, montieren alles um und unterziehen jeden einer Gehirnwäsche, bis auch der kleinste Pförtner wie ein Betriebswirt denkt. Nur mehr ganz, ganz wenige sperren sich gegen diese innere Kolonisierung, aber bald wird sich das McKinsey-Prinzip auch durch diese letzten Unangepassten durchgefressen haben. Eine ziemlich plumpe These, die nach Verschwörungstheorie schmeckt und das bekannte Sci-Fi-Motiv von den Außerirdischen, die wie Menschen aussehen, die Erde kolonisieren und fatal unbemerkt ihre Aliengesellschaft errichten, variiert. Komischerweise schienen nicht wenige im Publikum das durchaus plausibel gefunden zu haben.

So sympathisch die Anklagen gegen Ökonomismus und die Pamphlete für soziale Gerechtigkeit auch sind, so ist das doch ein Reduktionismus, der einem fast die Worte raubt. Wären die Individuen vollends an die kapitalistische Weltmaschine angeschlossen, gäbe es kein Unbehagen und weder für Kurbjuweits Buch Käufer noch für Hochhuth ein Publikum. Es gibt die Zurichtung aller Existenz durch Kommerz und Ökonomisierung, aber es gibt auch ein waches Bewusstsein darüber und die vielen, stetigen, kleinen Versuche, sich dem Herdentrieb zu entziehen. Gewiss, die McKinseys sind Teil des Mechanismus von äußerer Dressur und innerer Selbstdressur, der erst ermöglicht, dass die Menschen funktionieren wie Unternehmen: jederzeit änderungsbereit. Und doch zuckt die Seele nicht im Takt des Betriebs wie Charlie Chaplins Körper in "Modern Times" noch nach der Arbeit im Takt des Fließbandes.

Solche Klone gibt es nur in der Karikatur oder im Theater. Und, selbstverständlich, bei McKinsey.

Robert Misik in FALTER 12/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×