Die Ziegenmama. Eine Wiener Bäuerin erzählt aus ihrem Leben

Edeltraud Kamprath


Knusprig zwickt Fridolin

Hahn Fridolin stolziert über den Platz. Er sträubt das Gefieder, rosa Haut blitzt unter dem schwarzen Federkleid hervor. Wo dieser Gockel aufkreuzt, gackern die Hühner. Zur selben Zeit, einige Meter entfernt: Ein Enterich namens Knusprig, langer dünner Hals, zackig schlenkerndes Hinterteil, macht sich auf den Weg. Ein Duell am Nachmittag, Gekreische und Geschrei: Hahn gegen Erpel. Fridolin hackt auf Knusprig ein, Knusprig zwickt Fridolin. Und inmitten des Geschehens, Sekunden später, steht die kleine, gebückte Gestalt der Edeltraud Kamprath. In all dem aufgewirbelten Staub und dem Federnflug ist sie anfangs kaum auszumachen. Sie trennt die beiden Kleintiere, sie beschwört die fedrigen Fanatiker: "Jetzt ist Schluss. Hackbeil! Kochtopf!"
Es kehrt wieder Ruhe ein auf dem Bauernhof, verhältnismäßige Ruhe. Das schier unendlich langsame Verstreichen der Tage wird hier, auf dem vor vierzig Jahren errichteten Gehöft der Edeltraud Kamprath in Liesing, am Übergang von Stadt und Land, am südwestlichen Rand Wiens, in ermüdender Monotonie von tierischen Tönen begleitet. Der Hof im Gütenbachtal gleicht einer gestrandeten, geisterhaften Arche Noah, deren Passagiere auf diesem Flecken Erde gelandet sind, durcheinandergewürfelt, ohne erkennbare Ordnung. Laufenten. Moschusenten. Mandarinenten. Fächergänse. Graugänse. Truthähne. Kühe, Ziegen, Katzen. Ein Stier. Perlhühner, Zwerghühner. Mäuse. Schnecken. Grasfrösche. Laubfrösche. Eulen. Fledermäuse. Blindschleichen. Äskulapnattern. Mecker heißt eine Ziege, Pipi eine Ente. Das Leben gewinnt hier Ereignischarakter, kalben an einem Tag drei Kühe zugleich, bedient sich ein Fuchs im Hühnerstall, deckt ein Sturm das Stalldach ab, verirrt sich eine Kuh auf ein Nachbarsfeld.
Edeltraud Kamprath, die Frau mit den knorrigen Händen und dem verrutschten Haarknoten, die ihr wahres Alter divenhaft verschweigt, ist Kapitän dieses gestrandeten Kahns. Sie bestimmt, bisweilen in scharfem, eindringlichem Ton, was auf ihrem Hof geschieht – und was nicht. Sie führt das Gut als dinosaurierhaftes Exempel eines landwirtschaftlichen Betriebs: ein Bauernhof als Probier- und Erlebniswelt, als Abenteuerspielplatz für Kinder, als Abgabestelle für biologisch, fern jeder Wirtschaftlichkeit erzeugte Produkte, für Milch, Eier, Gemüse, Fleisch, Wurst. Kamprath hat das langgestreckte, bis heute nicht ganz fertiggestellte Haus sowie die Stallungen vor knapp einem halben Jahrhundert gemeinsam mit wenigen Unterstützern eigenhändig errichtet. Mit Alfred beispielsweise, dem Knecht. Alfred Freiberger, 72, arbeitet von Beginn an auf dem Gehöft. Er ist das Faktotum, das Original, der mit dem offenen Hosenschlitz. Er steht oft statuengleich auf dem Vorplatz und schaut ins Leere, umschwirrt und umzingelt von den tierischen Mitbewohnern. Eine wechselnde Zahl von Helfern unterstützt Kamprath zudem bei der Arbeit. Ziegenpeter nennt sie einen jungen Inder, beinah liebevoll. Er hilft ihr schon seit Jahren. John ruft sie ihren zweiten Hilfsarbeiter. "Uns geht die Arbeit nie aus", weist Kamprath in Richtung Stall. Das Wort Arbeit kommt in so gut wie jedem Satz vor, der hier fällt. Es herrscht ständiges Schaffen, der Bauernhof ist ein Ort der tausend, zuweilen in zeitlupenhaftem Tempo erledigten Handgriffe: Man wäscht Wasserschüsseln aus, schneidet Brotlaibe zum Verfüttern in Scheiben, melkt Ziegen, erntet Feldfrüchte, belädt Scheibtruhen mit Mist, schlägt Nägel ein.
"Die Zeit vergeht beim Arbeiten schneller", sagt Alfred, der Knecht. "Hier gibt es viel zu tun", sagen die beiden jungen Helfer. "Ich steh jeden Tag, Montag bis Sonntag, um fünf Uhr auf", bemerkt die Chefin. "Um Mitternacht leg ich mich aber nicht einfach nieder, ich krabble in der Wohnung weiter. Vierzig Jahre lang war ich nicht auf Urlaub."

Kamprath hat sich nun in eigener Sache in Arbeit gestürzt und ihr Leben aufgezeichnet. "Die Ziegenmama", so der Titel der Memoiren, erzählt viel von der Mühsal traditionellen Bauernlebens, das Lied der Werktätigkeit stimmt sie in unterschiedlichen Tonlagen an, mal als Lamento, mal als Frohgesang. "Die Ziegenmama" ist ein sonderbares wie aufschlussreiches Dokument einer Geschichte von unten: Kamprath schreibt etwa über ihren Vater Otto, einen Förster und Jäger, der zeitlebens ein gefragtes Fotomodell für Jagd- und Forstzeitschriften war. Eine Ausgabe der Publikation Jagdhund vom Dezember 1949, eingefügt in den Fototeil der Erinnerungen, zeigt einen Mann mit markantem Gesicht, Hut mit Gamsbart, mit in die Ferne gerichtetem Blick und einem Dackel als treuem Begleiter. Die Biobäuerin berichtet, wie man ohne Gift gegen Wühlmäuse, gefräßige Schnecken und Läuse vorgeht und wie ihr einst der Wiener Bürgermeister Franz Jonas eine Urkunde als beste Geflügelzüchterin überreichte. Darüber hinaus verrät sie Kochrezepte, etwa die Zubereitung des Ostmärkischen Bauerntopfs, der Holzknechtnocken sowie des Bauernstrudels. "Es bleibt noch so viel zu tun", beschließt die Frau, die keinen Feierabend, keine Feiertage kennt, ihr Buch.
Für einige Stunden am Tag wird auch die Parallelwelt im Gütenbachtal von Geräuschlosigkeit erfasst. Nachts treibt der Bauernhof, das Riesenschiff, beinah lautlos dahin. Edeltraud Kamprath, die Frau am Ruder, schreibt in ihrem Buch: "Täglich weise ich abends den Hühnern, Enten und Gänsen ihre Schlafplätze zu, spreche mit ihnen, und sie unterhalten sich auch mit mir. Sie nehmen ihre Plätze ein, gackern und schnattern vor sich hin und scheinen kein Ende zu finden. Auf meinen Befehl, dass nun endlich Ruhe zu sein hat, reagieren sie sofort und verstummen.

Wolfgang Paterno in FALTER 40/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×