Brief an D.. Geschichte einer Liebe

André Gorz


Lebenslange Liebe

Kaum etwas ist Pubertierenden peinlicher als die Vorstellung, dass die eigenen Eltern (noch) Sex haben. Und auch später noch stellt man sich vor, dass dieses ganze Begehren im Alter einem wollsockenwarmen Gefühl gereifter Kameraderie weicht. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. "Bald wirst du jetzt zweiundachzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je."
In den Achtzigerjahren war der Sozialphilosoph André Gorz mit Büchern wie "Abschied vom Proletariat" oder "Wege ins Paradies" ein wichtiger Stichwortgeber der undogmatischen Linken gewesen. In dem im Frühjahr des vergangenen Jahres verfassten "Brief an D." wandte er sich an seine Frau Dorine, die er – der mittellose Jude aus Österreich – 1947 kennen lernt und die zu seiner eigenen Verwunderung seine Frau wird.
Dennoch entwickelt sich diese Liebe auf den ersten Blick keineswegs zum lebenslangen Idyll: Ideologische Vorbehalte gegen die Ehe, Selbstzweifel, die Lebensumstände stehen dem verquälten Intellektuellen im Wege, der sich über Jahre an einer Selbstanalyse mit dem Titel "Der Verräter" abmüht. In diesem Werk und ausgerechnet in einem Kapitel mit dem Titel "Du" hat Gorz seine unter dem Namen Kay auftretende Frau in ein paar giftigen Sätzen "herabgesetzt", was ihn noch Jahrzehnte später quält.
"Brief an D." ist ein berührendes und schonungsloses, aber, trotz aller Kürze, auch ein anstrengendes Buch. Die immer wieder vom "Ich" und "Wir" abgelöste Rede in der zweiten Person produziert hochtönende Banalitäten ("Du lasest Beckett, Sarraute, Butor …"), und über akribisch ausgebreiteten Details des Berufslebens und der Editionsgeschichte geht mitunter der Adressat dieses Briefs verloren: Man wünschte, Gorz hätte mehr über seine Frau geschrieben als darüber, was er ihr verdankt oder schuldet.
1973 wurde bei Dorine eine schmerzhafte und unheilbare Krankheit diagnostiziert, kurz danach auch Krebs. Die Liebe hat gehalten. "Ich will kein Gefäß mit deiner Asche erhalten", schreibt Gorz. Vergangene Woche hat er sich gemeinsam mit Dorine das Leben genommen.

Klaus Nüchtern in FALTER 40/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×