Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich


Ihr Kind bleibt ein Außenseiter

Michael Hartmann ist einer der bekanntesten deutschen Eliteforscher. In seinen Studien entlarvt der bekennende Linke die Leistungseliten als Mythos. Nicht Leistung, sondern Herkunft zähle, meint der Darmstädter Soziologe. In seinem neuen Buch vergleicht Hartmann nun die Eliten in Europa – und wirft auch einen Blick auf Österreich (siehe Kasten). Am Mittwoch präsentiert der 55-Jährige seine Ergebnisse bei einer Veranstaltung des Renner-Instituts. Hier spricht er vorab über die Macht der Eliten.

Falter: Österreich hat mit Alfred Gusenbauer ein Arbeiterkind als Bundeskanzler. Ist das ungewöhnlich?
Michael Hartmann: Österreich ist damit eine Ausnahme. Von 1945 bis 2000 war es in Mitteleuropa zwar in vielen Ländern üblich, dass die Mehrzahl der Regierungschefs aus kleinbürgerlichen oder Arbeiterfamilien kam. Das hat sich in den meisten Ländern aber drastisch verändert – die Regierungen sind nun sehr bürgerlich. Nur das österreichische Kabinett stammt noch mehrheitlich aus kleinbürgerlichen oder Arbeiterverhältnissen.
Was läuft hier anders?
Ich vermute, dass Österreich vom Zerfall des Ostblocks wirtschaftlich profitierte. Das schafft Spielräume, dann müssen gesellschaftliche Konflikte nicht so scharf ausgetragen werden. Das Zweite könnte sein, dass der Proporz noch tief verankert ist. Außerdem geht in Deutschland die Verbürgerlichung Hand in Hand mit einem drastischen Rückgang der Mitgliederzahlen bei den Parteien – vor allem bei der Sozialdemokratie.
Auch die SPÖ hat massiv Mitglieder verloren. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es aber noch viele Parteimitglieder.
Das dürfte eine Rolle spielen. Solange die Parteien gut in der Bevölkerung verankert sind, nimmt die Parteibasis einen größeren Einfluss auf den Werdegang von Spitzenpolitikern. Damit haben Bürgerkinder schlechtere Aufstiegschancen.
Und wie ist es in der Wirtschaft? Wer zählt dort zur Elite?
Da zeichnet sich ein ähnliches Bild ab wie in Deutschland. Von den fünf größten österreichischen Unternehmen stammen vier der Vorstandschefs aus dem Bürger- und Großbürgertum und einer aus dem Arbeitermilieu. Das ist in Deutschland ganz ähnlich: 85 Prozent der hundert größten Unternehmer sind Bürger- und Großbürgerkinder, nur 15 Prozent stammen aus dem Rest der Bevölkerung.
Wie werde ich dann als Normalbürger Teil der Elite?
Am leichtesten ist es in der Politik. In der Wirtschaft haben Sie fast keine Chance. Zwar kommt etwa der neue Siemens-Chef Peter Löscher von einem österreichischen Bauernhof. Das ist aber die Ausnahme. Da ist es noch in der Verwaltung und der Justiz etwas leichter. Und in der Wissenschaft kann man grob sagen, dass jeder zweite Forscher aus dem Bürger- oder Großbürgertum kommt.
Zählen Sie Wissenschaftler zur Elite?
Nur diejenigen, die über die Gelder bestimmen. Also zum Beispiel die Chefs der großen Forschungsorganisationen, denn damit können sie die Richtung der Forschung beeinflussen.
Wie definiert man denn Elite?
Zur Elite gehört, wer qua Position gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen kann. Das sind natürlich die Chefs der großen Unternehmen, die Spitzenpolitiker, die hohe Justiz und die hohe Verwaltung, die sehr viele Gesetze vorbereitet. Nicht zur Elite zählen Filmstars oder Sportler – egal, wie häufig sie in den Medien sind.
Die Elite ist in der Wirtschaft eine geschlossene Gesellschaft. Warum?
Weil ein sehr kleiner Kreis von Personen bestimmt, ob man in die Führungsetagen kommt oder nicht. Etwa der Eigentümer oder der Aufsichtsratsvorsitzende. Und die haben in der Regel ein Kriterium: Sie nehmen Personen, die ihnen ähneln. Das Argument ist einfach: "Jemand, der so tickt wie ich, den kann ich einschätzen."
Das heißt, ich muss mich gleich verhalten, gleich ausschauen?
Ob das nun die Kleidung, das Auftreten oder eine umfassende bürgerliche Bildung ist – man muss signalisieren, dass man dazugehört. Dass man weiß, was man mit Salzburg zu verbinden hat oder mit der Wiener Oper. Man muss dieselben Eigenschaften aufzeigen wie diejenigen, die schon in diesen Etagen sitzen. Das lässt sich mit einer Eigenschaft zusammenfassen – Souveränität. Denn man muss das alles nicht nur kennen, sondern auch selbstverständlich damit umgehen. Wenn ich mich bei den Salzburger Festspielen auskenne, kann ich sagen: ,Ich weiß, das ist dieses Jahr angesagt. Ich finde diesen Auflauf aber grauenhaft.' Das signalisiert Selbstverständlichkeit und guten Geschmack. Als sozialer Aufsteiger habe ich mir dieses Wissen oft nur mühsam angeeignet, dann wirke ich eher unsicher oder unwissend.
Aber ich kann doch gezielt Opern nachhören oder mir ein gutes Allgemeinwissen anlesen.
Sie können die Distanz nur verringern. Erstens können Sie sich das als Berufstätiger kaum nebenher aneignen. Zweitens wissen Sie nie, was Ihnen dann noch fehlt. Es bleibt immer diese Verunsicherung, dass die, die das von Kindesbeinen an so kennen, noch um irgendein Geheimnis wissen.
Kann man Herkunft wirklich spüren?
Bei einem Vortrag hat vor kurzem jemand provokativ gefragt, ob ich ihm sagen könne, wo er herkommt. Ich hab gemeint, so wie er sich präsentiert, ist er ein typisches Mittelschichtskind, das zeigen will, was es draufhat. Und von der Sprache wahrscheinlich ein Jurist. Und beides war richtig. Bestimmte Dinge merkt man eben, wenn man sich in einem Milieu bewegt. Das ist der springende Punkt.
Sie haben sich auch die Karriereverläufe von 6500 promovierten Deutschen angesehen. In die Chefetagen der großen Konzerne kamen aber fast nur großbürgerliche Kinder. Kann das nicht auch andere Gründe haben – etwa dass Arbeiterkinder nebenbei jobben und deswegen länger studieren?
In unserer Untersuchung haben wir all diese Faktoren berücksichtigt. Studiendauer, Alter bei der Promotion, Ort der Promotion, Auslandsstudien und Ähnliches. Aber selbst wenn man das mit einberechnet, ändert sich nichts daran: Die Chancen für Kinder aus bürgerlichen und großbürgerlichen Kreisen sind weitaus besser als die derjenigen aus den restlichen 96 Prozent der Bevölkerung.
Wie ist es mit Plan B: Kann ich mich in die Elite einheiraten?
Ja, natürlich. Da gibt es eine Reihe von Beispielen. Etwa Friede Springer, Eigentümerin von Springer. Die war vorher als Kindermädchen tätig. Das ist ein Weg, der ist aber seltener als früher. Das Interessante ist: Das ist immer nur eine männliche Angelegenheit. Dass eine Frau in so einer Position den Gärtner heiratet, das gibt es nicht.
Sind Frauen also elitebewusster?
Definitiv. Aber Frauen haben es auch schwerer. Eher schafft es ein Arbeitersohn an die Spitze als eine Arbeitertochter. Frauen gelingt es nur, wenn alle anderen Kriterien hundertprozentig passen. Gerade in der Wirtschaft gibt es noch das Handicap Frau.
Wenn ich weiß, dass ich von klein auf das elitäre Milieu kennen muss – bringt es etwas, wenn ich mein Kind auf eine Privatschule schicke?
Wenn Sie 30.000 Euro übrig haben, können Sie es auf eine britische oder schottische Eliteschule schicken. Die vermittelt sicher einige Kenntnisse, weil die ganzen Kinder rundherum dieses Verhalten besitzen. Trotzdem gibt es ein Problem: Wenn die anderen im Sommer in ihre Ferienhäuser fahren und man selbst keines hat, kann man allenfalls eingeladen werden, aber niemals selbst einladen. Ihr Kind bleibt also ein Außenseiter.
Warum sehen Sie es kritisch, wenn man zur Elite gehören will?
Na weil ich glaube, dass Elite immer bedeutet, dass ein sehr kleiner Teil der Gesellschaft einen überproportionalen Teil des gesellschaftlichen Reichtums für sich beansprucht. Und diese Privilegien werden an die Kinder weitergegeben. In Deutschland besitzt das obere Promille der Bevölkerung etwa einen doppelt so großen Anteil des Vermögens wie die gesamte untere Hälfte. Das ist schon krass. Und diese Differenz ist in den letzten Jahren größer geworden.
Aber muss es nicht immer eine Elite geben – Leute, die ein Land voranbringen?
Natürlich braucht jede Gesellschaft Leute mit Spitzenleistung, und nicht jeder kann gleich viel Macht haben. Aber Elite heißt immer, dass diese Leute einen relativ geschlossenen Kreis bilden. Der Vergleich quer durch Europa zeigt: Dort, wo die Eliten besonders homogen sind, ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß – zum Beispiel Großbritannien und Spanien. Und dort, wo die Eliten am durchlässigsten sind, sind die Einkommensverhältnisse am ausgeglichensten. Das sind die skandinavischen Länder.
Sie meinen, die Elite ist für die soziale Ungerechtigkeit verantwortlich?
Es gibt schon Zwänge, für die die Eliten nicht alleine verantwortlich sind, etwa die weltweite Konkurrenz auf manchen Arbeitsmärkten. Aber die Eliten sind diejenigen, die diesen Prozess auch vorantreiben. Und sie profitieren selbst davon. Da sind die Steuersenkungen in Österreich ein Musterbeispiel.
In Ihrem neuen Buch untersuchen Sie die Frage nach einer europäischen Elite. Gibt es die bereits?
Nein. Das wird ein sehr zäher Prozess dorthin sein. Die EU-Kommissare stammen zwar alle aus den politischen Eliten ihrer Länder. Aber es sind nicht die Besten, sondern häufig die Gescheiterten.
Wie etwa die Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner.
Genau. Das sind oft Leute, die vorher Wahlen vergeigt haben. Trotzdem gibt es eine allmähliche Tendenz, dass sich so etwas wie ein europäischer Karriereweg herausbildet. Aber auch in der Wirtschaft wird das noch ein langer Weg sein, bis sich das internationalisiert.
Was würde eine europäische Elite für den Normalbürger bedeuten?
Eine Verschärfung. Eine europäische Elite wäre von der Bevölkerung noch weniger kontrollierbar. Wenn wir eine europäische Regierung hätten, werden die vermutlich Englisch sprechen. Die Bevölkerung hingegen Deutsch, Spanisch, Französisch oder Italienisch. Das heißt, die Verständigung oben wird sehr viel schneller erfolgen als die Verständigung unten. Das würde einen Widerstand erschweren.
Werden die Eliten wieder mächtiger?
Ja. Nach 1945 waren die Eliten in Deutschland, Italien und Österreich diskreditiert, weil sie stark in den Faschismus verstrickt waren. Und sie mussten akzeptieren, dass die Bevölkerung vom Wohlstand einen größeren Anteil wollte. Aber heute ist die Zeit von 1933 bis 1945 weit entfernt. In den letzten zwanzig Jahren werden die Eliten in Europa und den USA immer stärker – in ihrer Macht und vor allem in ihrem Einkommen.
Heutzutage will auch jeder Teil der Elite sein.
Das ist unrealistisch.
Ist das nicht auch gut? Dann strengen sich alle mehr an, arbeiten mehr.
Das mag bei dem einen oder anderen funktionieren. Zumindest bis er merkt, dass er nicht weiterkommt. Dann kommt die große Resignation. Aber es ist auch für die Gesamtbevölkerung schlecht. Wichtiger wäre, dass niemand ausgeschlossen wird. Männliche Jugendliche aus Migrantenfamilien zum Beispiel, die bekommen keine Jobs. Aber wenn jeder Elite sein will, verschließt man die Augen davor.
Sie sind bekennender Marxist und Eliteforscher. Ist das nicht so, als würde man seinen größten Feind analysieren?
Ich kenne das Milieu ja, weil ich selbst daraus stamme. Meine Verwandtschaft, mein Vater waren alle in leitenden Positionen. Das können persönlich völlig integre Menschen sein. Nur, die denken in anderen Größenordnungen. Wer immer privat versichert war, kann sich nicht vorstellen, was es heißt, nicht sofort einen Termin zu bekommen. Für die ist es interessant, mit mir zu reden, weil ich mir Informationen erarbeite, die sonst niemand hat. Wenn ein Konservativer im selben Feld tätig wäre, würde man mir den aber vorziehen.

Ingrid Brodnig in FALTER 40/2007



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