Romantik. Eine deutsche Affäre

Rüdiger Safranski


Nichts zu glotzen

Das waren noch Zeiten, als Bertolt Brecht einer seiner Theaterfiguren ein gehässiges "Glotzt nicht so romantisch" in den Mund legen konnte. Romantik: Das war einmal ein Synonym für verlogene Gefühle und falsches Sentiment, für vorgetäuschte Versöhnungen und ideologische Verklärungen, für kleinbürgerliche Sehnsüchte und reaktionäre Butzenscheibenidylle, für zerstörte Vernunft. Und auch wer es genauer wusste, war nicht glücklich damit. Blaue Blume, "Aus dem Leben eines Taugenichts", germanische Mythen und Richard Wagners Waldvögelein: Wer etwas auf sich hielt, hielt sich in der Regel von so etwas fern. Natürlich kann man ein Abendessen im Kerzenschein, Sonnenuntergänge am Meer, Schneefall im Hochgebirge und die eine oder andere verliebte Stunde mit angemessener Ironie romantisch nennen, aber sonst ist doch eher Coolness angesagt.
Romantik also. Rüdiger Safranski hat diesem leicht anrüchigen Begriff eine Monografie gewidmet. Der Meister der Biografik – vom Autor liegen ausgezeichnete Bücher über Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller vor – hat sich damit auf schwieriges Terrain begeben. Nicht Leben und Werk eines Einzelnen galt es zu schildern, sondern einen Begriff, eine Epoche, eine Geisteshaltung, eine Wirkungsgeschichte und ein Missverständnis – kann das gutgehen?
Es kann. Und dies nicht zuletzt deshalb, weil Safranski sich weise beschränkt und vorab auf vieles verzichtet, was Romantik auch sein kann: eine europäische Bewegung, ein Phänomen in Musik, Malerei und Architektur, eine Deutung der Natur. Romantik ist für Safranski erst einmal eine "deutsche Affäre" und eine Sache von Literatur, Philosophie und Politik. Er liefert also kein enzyklopädisches Stichwort, sondern verfolgt eine gezielte Fragestellung: Was lässt sich in der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte mit guten Gründen romantisch nennen, und wie tragfähig ist die beliebte These, dass diese Romantik eine wesentliche Wurzel des deutschen Verhängnisses darstellt?
Im ersten Teil des Buches, "Die Romantik", gelingt Safranski eine hinreißende Darstellung der mit diesem Begriff assoziierten literarischen Epoche. Die Anfänge sieht er schon in Herders Konzeption einer die Eigenständigkeit der unterschiedlichen Kulturen betonenden Geschichtsphilosophie, dann in der Genieästhetik des Sturm und Drang und in Schillers Spieltheorie, die philosophischen Grundlagen konzentriert er um Fichtes Ich-Philosophie, und an der frühen romantischen Literatur konstatiert er zu Recht vorab einmal deren Modernität. Was Wilhelm und Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Novalis und andere im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts umtrieb, war die Begeisterung für die Französische Revolution, der Glaube an die Macht und die Autonomie der Kunst, die Betonung des Subjekts und seiner Einbildungskraft und vor allem eine unbändige Lust am literarischen Experiment.
Ästhetische Selbstüberbietung und ästhetische Selbstzerstörung werden zum Programm, die literarischen Gattungen werden erweitert und gemischt, Märchen, Sage, Brief und Tagebuch zu Kunstformen entwickelt, die Ästhetisierung des Lebens und die Verwirklichung der Poesie werden gefordert, das Kunstwerk wird als unabschließbar gedacht, das Fragment zur ultimativen ästhetischen Geste stilisiert. Schlegels Begriff der "progressiven Universalpoesie" bündelt diese Intentionen, und neben der "Sehnsucht" wird die "Ironie" zum Leitbegriff der Epoche.
Autoren wie Novalis, E.T.A. Hoffmann oder der anonyme Schöpfer der bizarren "Nachtwachen des Bonaventura" entdecken die dunklen Seiten der Seele, die Welt der Träume und die Verlockungen des Irrationalen, es entstehen zum Teil genialische Antizipationen einer Theorie des Unbewussten, die erst hundert Jahre später formuliert werden wird. Die Romantiker entdecken Shakespeare und Cervantes und entwickeln, vor allem in der Person Friedrich Schleiermachers, eine liberale Religiosität, die nun sehr weit als "Sinn und Geschmack für das Unendliche" bestimmt wird. Und sie finden in den alten Mythen und Mythologien des Abendlandes und des Orients poetische Kraftquellen, die sie durchaus als Korrektiv zu einer platt und instrumentell gewordenen Vernunft einsetzen wollen. Eine nationalistisch verengte Gestalt gewinnt die Romantik erst im Zuge der Kriege gegen Napoleon.
Den zweiten Teil seines Buches nennt Safranski "Das Romantische". Jetzt geht es um die späten Nachfahren wie Heinrich Heine und Richard Wagner, vor allem aber um die mitunter prekären Folgen und Auswirkungen der Romantik: Wie romantisch war die Kriegsbegeisterung der Intellektuellen im Jahre 1914? Was ist das Romantische an Jugendbewegungen, an Lebensreformkonzepten, an Freikörperkultur? Und vor allem: Welche Rolle spielte die Romantik für die Ideologie des Nationalsozialismus? Und wie romantisch waren die 68er, die bekanntlich die Fantasie an die Macht bringen wollten? Safranski nähert sich diesen Fragen kenntnisreich, manchmal mit ausführlichen Exkursen zu dubiosen Erscheinungen wie der "neuen Schar" des Friedrich Muck-Lamberty, die 1920 durch Deutschland tanzte, manchmal allerdings auch etwas kursorisch und anekdotisch. Was aber den Nationalsozialismus betrifft, kann Safranski ziemlich gut zeigen, dass der individualistische, sinnenfreudige und verträumte romantische Geist wenig für eine Weltanschauung hergab, die auf die technisch induzierte ästhetische Überwältigung der Massen und auf die Biologie als Leitwissenschaft setzte.

Seine Fähigkeit, komplexe ideengeschichtliche Entwicklungen in ihren biografischen Kontexten spannend darzustellen, hat Safranski auch mit diesem Buch unterstrichen. Natürlich ließe sich im Detail das eine oder andere einwenden. An manchen Stellen überwiegt die bloße Aneinanderreihung biografischer Skizzen, unverständlich bleibt auch, warum Clemens Brentano und sein "verwilderter" Roman "Godwi" völlig ausgeblendet werden, und dass Schleiermacher seine Verteidigung von Friedrich Schlegels Skandalroman "Lucinde" nicht in Schlegels Zeitschrift Athenaeum, sondern anonym als Buch publizierte, hätte auch einem aufmerksamen Lektor auffallen können. Fraglich auch, ob die Reduktion Heinrich von Kleists auf ein "Genie des Hasses" wirklich tragfähig ist. Aber das sind Kleinigkeiten. Entscheidend ist, dass man nach der Beschäftigung mit Safranskis Durchgang durch die Romantik von einer unbändigen Lust befallen wird, all die alten Sachen wieder einmal zu lesen: "Den gestiefelten Kater" in der Originalversion, die "Hymnen an die Nacht" und "Des Vetters Eckfenster". Zu glotzen gibt's dabei allerdings nichts.

Konrad Paul Liessmann in FALTER 40/2007



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