Einsame Weltmacht. Die USA im Abseits

Raimund Löw, Hugo Portisch


Raimund Löw, Auslandskorrespondent des ORF und Falter-Autor, legt die Bilanz seiner zehnjährigen Amerika-Zeit vor. Er bietet einerseits eine flott geschriebene Mischung aus Gesellschaftsreportagen (etwa Interviews mit den Bewohnern eines Camps für illegale Landarbeiter in Kalifornien oder mit dem zum Tode verurteilten Dobbie Williams im berüchtigten Gefängnis "Angola"). Es finden sich auch Besprechungen größerer Themen – etwa die Rolle der Religion in der amerikanischen Politik (wobei überraschenderweise nichts über die Juden vorkommt), Berichte über Besuche in Guantánamo oder im Pentagon, sowie gut recherchierte Darstellungen der inneren Sicherheitspolitik. Kritischer Qualitätsjournalismus, erfrischend frei von Verschwörungstheorien, mittels dessen sich so manche Journalisten aus Europa die Denkarbeit erleichtern. Beeindruckend sind Löws Ausführungen über das Missverhältnis von Aufwand und Ertrag bei der Inlandssicherheit. So berichtet er, dass mittlerweile über 86 Millionen Ausländer durch Fingerabdrücke und Foto-IDs bei der Einreise kontrolliert, aber davon lediglich 1600 bis 1800 gesuchte Kriminelle erfasst wurden. Festgenommen worden sind ein- oder zweihundert Menschen, darunter kein einziger Terrorist. Dieses Missverhältnis verlangt eine Erklärung. An einer Stelle heißt es, dass der riesige Aufwand an neuen Sicherheitsmaßnahmen eine nur teilweise rationale Reaktion auf das Versagen der Behörden vor dem Anschlag vom 11. September 2001 gewesen ist. Die Möglichkeit, dass das nach 9/11 vorhandene Klima der Angst zur Durchsetzung der gewünschten "konservativen Revolution" bewusst mobilisiert wurde, erwägt Löw hier jedoch nicht explizit. Der vielzitierte damalige Satz Dick Cheneys, "Be afraid, be very afraid", kommt nirgends vor, obwohl Löw an anderer Stelle diese Mobilisierung der Angst als Teil der Strategie der "Neo-cons" im Vorfeld des Irakkriegs thematisiert. Stattdessen betont er die "Mischung aus Gelassenheit und Ironie", mit der die Amerikaner dem ständigen Wechsel der Warnstufen und Sicherheitsmaßnahmen begegnen.
Überhaupt ist Löws Optimismus über die Fähigkeit der US-Zivilgesellschaft zur Selbstkorrektur die Qualität dieses Buches. Beispiele sind die Initiativen zur Klimapolitik, wie auch das Einschreiten der Gerichte gegen Exzesse im Kampf gegen den Terror – sofern diese US-Bürger betrafen – und nicht zuletzt die Selbstkritik, die wenigstens die liberalen Elitenmedien nach dem Fiasko der Berichterstattung im Vorfeld des Irakkrieges an den Tag gelegt haben. Erst gegen Ende des Buches ist von einer "Allianz konservativer Wirtschaftssektoren, der christlichen Rechten und neokonservativer Hardliner" die Rede. Eine Analyse, wie dieses Bündnis zustande kam, bietet Löw nicht. Doch er hält fest, dass es nun auseinanderbricht. Welche Folgen das für die Außenpolitik der USA haben wird, bleibt offen.

Mitchell Ash in FALTER 39/2007



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