Maestro

Peter Goldsworthy


Prinzip Eisberg

Der australische Autor und Arzt Peter Goldsworthy (Jg. 1951) debütierte in seiner Heimat 1989 mit dem Roman "Maestro". Dass die deutsche Übersetzung davon nun im hiesigen Deuticke Verlag erscheint, ist nur folgerichtig, da es sich hier um Goldsworthys "österreichisches" Buch handelt, dem ein Zitat von Karl Kraus vorangestellt ist: "Österreich hat durch seine politischen Blamagen erreicht, dass man in der großen Welt auf Österreich aufmerksam wurde und es endlich einmal nicht mehr mit Australien verwechselt."
Geheimer Held des Romans ist Eduard Keller, ein nach dem Zweiten Weltkrieg nach Australien ausgewanderter Österreicher, der in der Hafenstadt Darwin als verkrachtes Klaviergenie sein Leben zwischen Unterrichtsstunden und Kneipenbesuchen fristet. Wovor ist der Mann geflüchtet? Aufgerollt wird seine Vita aus der Perspektive des 15-jährigen Paul, eines talentierten Pianisten, der von seinen Eltern zu Keller geschickt wird. Und erst einmal tagelang nichts spielen, sondern nur den giftigen Suaden des Lehrers lauschen darf.
Zunächst meint Paul, Keller müsse wohl ein Nazi gewesen sein. Langsam entsteht jedoch eine Freundschaft zwischen dem alten Zausel – der in der gerade in Dreh befindlichen Verfilmung von Klaus Maria Brandauer gespielt wird – und dem mit Pubertätsnöten kämpfenden Schüler. Jahre später, als er als Pianist durch Europa reist, beginnt Paul intensive Nachforschungen über Kellers Vergangenheit anzustellen.
Der Reiz von Goldsworthys Text besteht zu einem nicht geringen Teil darin, dass man es mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun hat, dessen Blick man nur bedingt trauen kann.
Nach Hemingways "Eisberg-Prinzip" wird hier nie alles gesagt, es wird nur gestreift und angedeutet. Wie weit es in die Tiefe geht, hängt auch vom Engagement des Lesers ab. Ein nur in puncto Umfang kleiner Roman über das große Thema Erinnerung, Vergessen und Verdrängen – und einer, der Geschichte mitsamt ihren Ambivalenzen darzustellen vermag, wie es den Geschichtsbüchern selten gelingt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 38/2007



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