Gestern noch

Kathrin Groß-Striffler


Irgendwann in den Siebzigerjahren in einer Kleinstadt, die eigentlich ein Dorf ist. Der von der Landwirtschaft geprägte Kern und der von reichen Stadtflüchtigen bewohnte Gürtel sind streng voneinander getrennt. Bauernsohn Nikolas ist 15, als die Abiturientin Maria die unsichtbare Grenze zwischen Ober- und Unterdorf überschreitet und alsbald immer öfter zu Gast ist. Sie heiratet auf den Hof ein – gegen den Widerstand ihrer Eltern, die den Kontakt zu ihr abbrechen. Auch Nikolas' Mutter ist gegen die Ehe. Sollte es wirklich sein, dass diese an Klassendünkeln der ortsansässigen Bevölkerung scheitern sollte?
Man erfährt es nicht, denn der Held und Ich-Erzähler ist zu naiv, um sein Umfeld durchschauen zu können – was im Feuilleton für Unmut sorgte: Schriftstellerkollegin Dorothea Dieckmann etwa ging in der Zeit hart mit dem dritten Roman der Alfred-Döblin-Preisträgerin Kathrin Groß-Striffler ins Gericht und konnte in diesem nur "Kitsch" und "Klischees" finden.
Tatsächlich aber macht "Gestern noch" aus der Not eine Tugend und legt dem authentischerweise nicht über souveräne Eloquenz verfügenden Nikolas eine Sprache in den Mund, die zwischen vager Selbstsicherheit und dem Festhalten an tradierten Floskeln hin- und herkippelt. Herausgekommen ist dabei ein Roman, der kein sozialpolitisches Pathos braucht, um Sympathien für sogenannte "Hinterwäldler" zu wecken.

Martin Droschke in FALTER 38/2007



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