Der Gotteswahn

Richard Dawkins, Sebastian Vogel


Atheisten aller Länder

Da steht Gott im Titel, also schicken wir es einem Religionsheini." Über diesen fantasielosen Reflex von Feuilletonredakteuren beim Versenden von Rezensionsexemplaren spekuliert Richard Dawkins im Nachwort zu seinem jüngsten Buch. "Der Gotteswahn" war letztes Jahr ein Überraschungsbestseller, wurde auf Amazon von über tausend Laienrezensenten weitgehend freudig begrüßt – kam aber in den Besprechungen angloamerikanischer Medien nicht annähernd so gut weg. Was war passiert?
Seine Annahme mit den "Religionsheinis" sei dann doch zu zynisch, räumt Dawkins selbst ein. Freilich nur, weil er einen noch schlimmeren Verdacht hegt: die vorauseilenden Gläubigen zweiter Ordnung, sprich, die Verliebtheit vieler Intellektueller (und Zeitungsmenschen) in den Glauben der anderen, den "Glauben an den Glauben", dem diese selbst nicht Gläubigen übertriebenen Respekt zollen, wodurch sie zu einem Teil des Problems werden, gegen das Dawkins anschreibt.
Er tut das mit Vernunft und mit Verve, aber nicht mit der Aggressivität, die ihm oft nachgesagt wird. "Der Gotteswahn" ("The God Delusion") ist ein durchdachtes, gut argumentiertes Stück Debattenkultur und beileibe nicht, wie einer der Standardvorwürfe lautet, "genauso fundamentalistisch" wie seine eigentlichen Gegner, die fanatischen Gläubigen. Aber mit seiner Meinung hinter dem Berg hält der britische Evolutionsbiologe keineswegs. Geboren 1941 in Nairobi, wurde er in den Siebzigerjahren mit dem Megabest- und Longseller "Das egoistische Gen" bekannt, das die Evolutionstheorie auf die Ebene der Gene zu übertragen sucht. Als Inhaber der Charles-Simonyi-Professur of the Public Understanding of Science an der Oxford University hat er keine Lehrverpflichtungen und kann sich ganz der Wissenschaftspopularisierung widmen. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart.
"In den letzten rund zwanzig Jahren", erklärte Dawkins kürzlich in einem Spiegel-Interview, "ist es der Religion sehr leichtgemacht worden. Wer glaubte, hatte einen privilegierten Status. Neu ist, dass die Menschen davon die Nase voll haben. Das liegt gewiss auch am Erstarken des Islam. Die Zeit ist reif für ein neues atheistisches Denken." Dass als Erstverkaufstag von "Der Gotteswahn" der 11. September gewählt wurde, lag wohl mehr als nahe.
Dawkins möchte das Bewusstsein dafür schärfen, dass Religion an sich und nicht nur in ihren Auswüchsen fundamentalistisch ist – und dass Atheist zu sein nichts ist, wofür man sich entschuldigen muss, sondern ein realistisches, tapferes, ja großartiges Ziel. Damit hebt er vor allem auf US-amerikanische Verhältnisse ab, wo Atheisten heute genau so diskriminiert würden wie Homosexuelle in den Fünfzigerjahren und sich – besonders als Politiker oder gar Präsidentschaftskandidaten – nicht zu outen wagten.
Obwohl zahlenmäßig mindestens so groß wie andere religiöse Gruppierungen seien Atheisten und Agnostiker nicht organisiert und hätten deshalb so gut wie keinen Einfluss in Gremien und Kommissionen. Diesem Missstand soll die 2003 gegründete Bewegung der "Brights" Abhilfe schaffen – wobei mit "bright" eine positiv konnotierte Begriffsneuprägung in Analogie zum "gay" der Homosexuellen versucht wird. Die "neuen Atheisten" haben den unverhältnismäßigen Vorrechten der Religiösen bei Medien und staatlichen Institutionen in Diskussionen über Ethik jetzt den Kampf angesagt. Denn es könne nicht angehen, sagt Dawkins, dass Religionsfreiheit als Freibrief für Vorurteile, schlechtes Benehmen und unlauteren Wettbewerb im Kampf um die mediale Aufmerksamkeit, die angebliche Verletzung religiöser Gefühle als Schutzschild vor Kritik, kurz: die Religion als Trumpfkarte schlechthin miss-braucht würde.

Brauchen wir Gott, um gut zu sein? Dawkins besteht darauf, dass nicht nur unsere Moral nicht aus der Bibel stammt, sondern dass wir auch keinen Gott benötigen, um Gut und Böse unterscheiden zu können. Das zentrale, vierte Kapitel seines Buches dreht sich aber um die erste Kernfrage des Glaubens: Gibt es einen Gott? Nach der geduldigen Entkräftung allerhand verdrehter Gottesbeweise – eine wahre Sisyphosarbeit, die Dawkins bravourös meistert – kommt er zu dem lapidaren Schluss: "Gott existiert mit ziemlicher Sicherheit nicht." Gott sei für die Erklärung der Entwicklung des Lebens und selbst eines so komplexen Wesens wie des Menschen seit Darwins Evolutionstheorie überflüssig, die Intelligent-Design-Theorie, die "wie ein Unkraut in den verbliebenen Lücken der naturwissenschaftlichen Kenntnisse gedeiht", eine bloße Täuschung.
Weniger zu überzeugen vermag hingegen das fünfte Kapitel, in dem Dawkins über die Entstehung von Religion und deren evolutionäre Funktion spekuliert – ein derart energieaufwendiges, ja -verschwendendes System müsse, evolutionstheoretisch gesehen, einen Nutzen haben. Religion als psychologisches Nebenprodukt der Evolution, als Kehrseite des vertrauensvollen Gehorsams von Kindern, nämlich sklavische Leichtgläubigkeit, als Beiprodukt der irrationalen Neigung, uns zu verlieben, entstanden durch unbewusste Evolution oder aus dem Nichts, angetrieben von einer gehörigen Portion Wunschdenken, als Placebo für Stressminderung und Trost zu verstehen: Das alles scheint zwar nicht unrichtig, aber zu kompliziert, zu unausgegoren – und widerspricht im Übrigen auch Dawkins eigenem Anspruch, dass eine Theorie möglichst einfach sein solle. Ein schlagenderer Einwand ist allerdings, dass darin ein Phänomen nicht vorkommt, das ursächlich mit Religion verbunden zu sein scheint: die Gewalt.
Dass Dawkins in seiner umfangreichen Bibliografie René Girard nicht aufführt, mag wohl an einem fantasielosen Reflex des Naturwissenschaftlers liegen. Denn der Mythenforscher Girard bekennt sich zwar zum katholischen Glauben, argumentiert die Entstehung von Religion aber innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Bekannt geworden in den Siebzigerjahren mit "Das Heilige und die Gewalt" kann seine "mimetische Theorie" diesen Konnex plausibel erklären (zuletzt in "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz", 2002). Das nachahmende, eben "mimetische" menschliche Begehren, sagt Girard, führe notwendigerweise zu Neid, Rivalität und damit innergesellschaftlicher Gewalt, die in archaischen Gesellschaften durch den sogenannten Sündenbockmechanismus beendet wurde, die Opferung eines Unschuldigen, der danach vergöttlicht wurde. Damit wäre Religion, entstanden als systematische Nachahmung dieser ursprünglichen Gewalt, ein wenn auch unvollkommener erster Versuch, die menschliche Gewalt in den Griff zu bekommen – mithilfe von Gewalt. Ein Paradox, das aus einem Tier-Wesen den Menschen machte und diesem ein zwiespältiges Erbe hinterließ.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 37/2007



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