Inemuri. Wie die Japaner schlafen und was wir von ihnen lernen...

Brigitte Steger


Wenn ein japanischer Firmenchef will, dass seine Mitarbeiter in Sitzungen freier reden, stellt er sich schon einmal vor versammelter Mannschaft schlafend. Die Besprechung wird dann ungezwungener – allerdings nur bedingt, denn schließlich wissen alle, dass der Boss den Schlaf nur vortäuscht. Und der wiederum weiß, dass die anderen wissen, dass ... alles klar? In die hohe Kunst des Inemuri und ihre strengen sozialen Regeln führt die Japanologin Brigitte Steger ebenso ein wie in die alltäglichen Gewohnheiten der arbeitsamen Inselbewohner, sich bei jeder Gelegenheit durch ein kleines Nickerchen zwischendurch zu erholen.
Das ist so gut wie immer und überall erlaubt, auf Parkbänken, in Zügen, bei Vorträgen oder Konzerten, im Parlament oder eben in Besprechungen, solange man dabei nur Haltung bewahrt. Den Kopf auf den Sitzungstisch sinken zu lassen geht zum Beispiel nicht – heißt Inemuri doch "Schlafen, während man eigentlich etwas anderes tut". Das kann, je nach Umständen, wenige Sekunden bis mehrere Stunden dauern.
Der öffentliche Kurzschlaf soll erholsam sein, der Gesundheit dienen und gleich auch noch die Intelligenz fördern. Mit modernen "Power-Naps", die manch ein Unternehmen im Westen seinen Mitarbeitern neuerdings im Dienste der Steigerung der Leistungseffizienz ans Herz legt, braucht man den Japanern nicht zu kommen. Ihre Tradition des Turbonickerchens reicht bis ins Altertum zurück – mindestens.

Birgit Dalheimer in FALTER 37/2007



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