Islamabadblues

Ulrich Ladurner


Osamas Sieg

Die Taliban kehren nach Kabul zurück, Bagdad versinkt im Chaos. Sechs Jahre nach dem Anschlag vom Elften September ist die Frage erlaubt, ob El Kaida den "Krieg gegen den Terror" gewonnen hat.

Der BBC-Journalist John Simpson war einer der Ersten, der am 13. November 2001 begriff, dass die Taliban aus Kabul geflüchtet waren. Er schnappte sich Kameramann und Tonmeister, zog sich eine blaue Splitterschutzweste über und marschierte zu Fuß nach Kabul. Er kam von Norden her. Die Straße fällt steil in die Ebene von Kabul ab, bevor sie flach auf das Zentrum zuläuft. Simpson ging schnellen Schrittes hinunter, das Kamerateam folgte ihm. Die Kabulis reagierten verdutzt. Sie hatten offensichtlich nicht damit gerechnet, nach der Flucht der Taliban einen Journalisten zu sehen, der ununterbrochen redend in ihre Stadt kam. Bald aber umringten sie Simpson neugierig. Sie winkten, lachten und jubelten in die Kamera. Simpson kommentierte diese Szene mit britischer Gelassenheit, doch war ihm die Aufregung anzumerken. Kabul war frei. Die Taliban waren geschlagen, nach nur fünf Wochen Krieg. Die Bilder, die Simpson in alle Welt lieferte, hatten etwas Triumphales. Sie weckten Erinnerungen an Befreiungsszenen aus dem Zweiten Weltkrieg, an die jubelnden Mengen von Rom oder Paris im Jahr 1944. Das war von Simpson durchaus beabsichtigt. In Washington war diese Analogie mehr als willkommen. Die Regierung des Präsidenten George W. Bush propagierte ja die Vorstellung, dass der Nationalsozialismus einen Nachfolger gefunden hatte: den Islamofaschismus.

Knapp 18 Monate nach Simpsons "Einmarsch", am 9. April 2003, fuhr ein Kranwagen der amerikanischen Armee in das Zentrum Bagdads vor. Er hielt auf dem Ferdowsi-Platz an. Ein Soldat stieg auf den Kran, legte eine Schlinge um den Hals einer Statue von Saddam Hussein. Unter dem Jubel Hunderter Iraker stürzte die Statue auf die Straße. Das Bild ging um die Welt. Der Diktator Saddam Hussein war nach mehr als dreißig Jahren an der Macht gestürzt. Wenige Wochen später, am 2. Mai 2003, erklärte US-Präsident George W. Bush den Krieg für beendet. Der Irak war befreit. Der amerikanische Feldzug hatte knapp sechs Wochen gedauert. Nicht einmal Optimisten hatten damit gerechnet, dass die amerikanische Armee in so kurzer Zeit Erfolg haben könnte. Der damalige US-Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, verglich den Sturz Saddam Husseins mit dem Fall der Berliner Mauer. Die Medienberichte aus Bagdad waren voller Euphorie.

Die Interventionen in Afghanistan und im Irak waren ein direktes Resultat der Anschläge vom 11. September 2001. Die USA griffen Afghanistan an, weil die Attentate dort von der Terrororganisation El Kaida geplant und in Auftrag gegeben worden waren. Die Uno gestand den USA das Recht auf Selbstverteidigung zu. Die Nato rief den Bündnisfall aus. Afghanistan war völkerrechtlich legitimiert und politisch (fast) unumstritten. Die Invasion des Irak hingegen war völkerrechtswidrig und umstritten. Die USA setzten sie gegen den heftigen Widerstand enger Verbündeter durch und marschierten ohne entsprechende UN-Resolution in den Irak ein. Die Regierung Bush unterstellte Saddam Hussein, dass er im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei. Saddam Hussein sei bereit, sie einzusetzen, und außerdem habe er Verbindungen zu El Kaida. Heute weiß man, dass diese Anschuldigungen haltlos waren. Man weiß, dass das Kriegskabinett des Präsidenten den Irak unmittelbar nach dem 11. September ins Zielkreuz nahm. Es wurde darüber diskutiert, zuerst den Irak anzugreifen und nicht Afghanistan. Die USA hatten nämlich eine Rechnung mit ihrem alten Verbündeten Saddam zu begleichen. Der 11. September gab ihnen einen Anlass dazu.

Wo John Simpson vor rund sechs Jahren wie ein Triumphator in Kabul einmarschierte, herrscht heute das hektische Alltagstreiben einer Stadt, die in kaum fünf Jahren ihre Einwohnerzahl von 700.000 auf vier Millionen mehr als verfünffacht hat. An der Einfallstraße, über die Simpson kam, reihen sich Autohändler an Autohändler. Sie bieten riesige vierradgetriebene Geländewagen zum Verkauf an, die sich nur leisten kann, wer im blühenden afghanischen Drogengeschäft tätig ist oder mittels Korruption reich wurde. Lastwagen rumpeln ununterbrochen in die Stadt, beladen mit Früchten, mit Holz, mit Stoffballen, mit Tieren und allem, was die wuchernde Stadt Kabul verschlingt. Täglich kommen Hunderte Zuwanderer aus den verarmten Provinzen, die hier eine Zukunft suchen - und es kommen die Selbstmordattentäter. Wenn sie sich vor ausgewählten Zielen in die Luft jagen, ist der Krach der Explosion in der ganzen Stadt zu hören. Er erinnert die Kabulis daran, dass in Afghanistan immer noch oder besser: wieder Krieg herrscht. Die Taliban sind zurück.

In Bagdad hat man, wenn man zur Straßenseite hin wohnt, vom Hotel Sheraton einen freien Blick auf den Ferdowsi-Platz. An der Stelle der gestürzten Statue Saddam Husseins ist eine merkwürdige Skulptur getreten. Sie wirkt in ihre Eigenwilligkeit und ihrer fragilen Bauweise wie das Symbol für einen mit aller Kraft herbeigesehnten und trotzdem sehr instabilen Neuanfang. Wer im Sheraton hingegen sein Zimmer zur Uferseite des Tigris hin hat, kann über den Fluss hinweg die Grüne Zone Bagdads erkennen, das Regierungsviertel des Irak. Hier wird die amerikanische Botschaft gebaut, die größte der Welt übrigens. Die Grüne Zone ist eine riesige Festung, umgeben von Schutzwällen und bewacht von Hunderten Soldaten. Tausende irakische Beamte arbeiten hier zusammen mit ihren amerikanischen Schutzherren, abgeschlossen von Bagdad und seinen täglich sich abspielenden zahllosen Tragödien. Die Beamten in der Grünen Zone entwerfen Pläne und Strategien, während das Land draußen sich in grausame Fehden verstrickt und unterzugehen droht. Immer wieder schlagen Granaten in die Grüne Zone ein. Sie erinnern ihre Bewohner daran - wenn sie es denn je vergessen könnten -, dass der Krieg im Irak vor nichts haltmacht, dass er über alle Abgrenzungen hinweg wuchert und niemanden verschont.

So sieht es in den Städten aus, die nach den Anschlägen vom 11. September von ihren Peinigern befreit wurden. Es lässt sich leicht ausmalen, wer bei diesem Anblick Zufriedenheit empfindet: Osama bin Laden.

El Kaida ist es gelungen, die USA in zwei scheinbar endlose Kriege zu locken. Dafür zahlen die USA einen immensen finanziellen Preis. Nach Berechnungen von Linda Bilmes, Professorin für Ökonomie in Harvard, hat alleine der Irakkrieg bisher Gesamtkosten von 3000 Milliarden Dollar verursacht. Bin Laden hat schon einmal erlebt, wie eine scheinbar unbesiegbare Supermacht ausblutete. Er kämpfte in den Achtzigerjahren aufseiten der afghanischen Mudschaheddin gegen die Rote Armee. Kurze Zeit nachdem die Sowjets 1989 geschlagen aus Afghanistan zurückzogen, fiel die Berliner Mauer. Die Sowjetunion löste sich zwei Jahre später auf. El Kaida ist überzeugt, dass sich dieser "Erfolg" mit den USA wiederholen lässt. Die Terrororganisation denkt in diesen langen historischen Zeiträumen.

Die entscheidende Schlacht zwischen dem Westen und dem Terror findet jedoch nicht auf ökonomischer oder militärischer Ebene statt, sondern auf moralischer. Gelingt es dem Westen seine Standards von Menschenrechten und Demokratie in dieser Auseinandersetzung hochzuhalten? Oder wird Bin Laden Recht bekommen, der behauptet, dass Menschenrechte und Demokratie nur leeres Gerede einer kalten, nur an ihren Interessen orientierten Supermacht seien? Die USA haben jedenfalls durch das Gefängnis von Guantánamo und den Folterskandal von Abu Ghraib ihre innersten Werte verletzt und ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den Terror untergraben. Sie haben damit Bin Laden wirkungsvoll in die Hände gespielt. Ayman al Zawahiri, Stellvertreter Bin Ladens und strategischer Kopf Al Kaidas, sagt deswegen, dass der "Westen den Krieg gegen den Islam verloren hat". Hat al Zawahiri Recht?

Die Anschläge vom 11. September waren auf eine besondere Weise perfide. Ihr Ausmaß, ihre Spektakularität und ihre Öffentlichkeit haben die US-Regierung unter Zugzwang gesetzt. Die USA begriffen den Angriff als Kriegserklärung, die sie nur mit gleicher Münze beantworten konnten. George W. Bush verkündete den "war on terror". Darin sehen viele Kritiker die Ursünde der Regierung Bush. Der Terrorangriff vom 11. September sei nämlich keine Kriegserklärung, sondern ein Massenverbrechen krimineller Natur. Darum hätte man auch mit polizeilichen, nicht mit militärischen Maßnahmen reagieren müssen. Dieses Argument ist nicht falsch, doch bleibt es abstrakt, denn es unterschlägt den Druck, den die Anschläge vom 11. September entfaltet haben. Hätte der US-Präsident, nachdem seine Nation unter den Augen der Welt tief verletzt und gedemütigt worden war, seinem Volk sagen können: "Lasst uns die Ruhe bewahren. 3000 Tote im World Trade Center, das ist kein Krieg. Das ist ein krimineller Akt. Polizei und Geheimdienste werden sich darum kümmern"?

Wahrscheinlich wäre er mit so einer Erklärung nicht lange im Amt verblieben. Der 11. September verlangte nach einer starken, sichtbaren Reaktion. Die USA mussten der Welt beweisen, dass sie sich wehren konnten. Wer immer sie angriff, musste mit schneller und harter Bestrafung rechnen. Das ist verständlich und richtig. Das Problem ist, dass die Strafe nicht nur jene trifft, die für das Attentat verantwortlich waren, sondern viele Menschen, die damit überhaupt nichts zu tun hatten. Der "war on terror" ist nicht präzise geführt, weder in einem analytischen noch praktischem Sinne, und er ist nicht verhältnismäßig. Das ist das Problem.

Die Regierung Bush unterstellte zuerst, die Terroristen hätten zugeschlagen, weil "wir so sind, wie wir sind". Sie hassten, so das Argument, unsere Freiheiten, unsere Werte, unsere Zivilisation. Eine merkwürdige ahistorische Sichtweise. Sie blendete aus, dass der Westen und seine Führungsnation eine Geschichte im Nahen Osten haben. So als ob man in dieser Welt nur "sein" könne, ohne zu "handeln". Sie unterschlug, dass die Terroristen den Westen nicht so sehr für das hassten, was er war, sondern für das, was er tut und getan hat. Sie schloss damit jede Reflexion über die eigene Politik aus. Das Opfer konnte nicht gleichzeitig Täter sein, der Täter nicht gleichzeitig Opfer.

In einem zweiten Schritt wurden die Fronten geklärt. Die USA ließen die Welt wissen, dass sie ab nun klar zwischen Freunden und Feinden unterscheide. "Entweder sie sind gegen uns oder mit uns!" - das ist die Botschaft, die der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage dem pakistanischen Militärherrscher Pervez Musharraf am 13. September 2001 überbrachte. Sie galt nicht nur für Musharraf, sie galt für alle. Wer sich nicht einreihte, musste mit Strafe rechnen.

In einem dritten Schritt identifizierte die Regierung Bush die geopolitischen Feinde des Westens. Im Jänner 2002 hielt der Präsident seine Rede an die Nation. Dabei führte er den Begriff von der "Achse des Bösen" ein - gemeint waren Irak, Iran und Nordkorea, allesamt Schurkenstaaten, die Terroristen unterstützen und selbst terroristische Ambitionen hätten.

Der "war on terror" war damit zeitlich, inhaltlich und räumlich ins potenziell Unendliche ausgeweitet worden. Wie lange dauert der Krieg? "Können wir nicht sagen, aber auf jeden Fall sehr, sehr lange!" Wer sind die Terroristen? "Alle, die auf uns schießen!" Wo müssen wir sie bekämpfen? "Überall auf der Welt!" Damit gingen alle Differenzierungen verloren und damit der Spielraum für Politik. Wo liegt der Unterschied zwischen einem Talib und Osama bin Laden? Was will ein irakischer Sunnit und was eine Schiit? Was will die Islamische Republik Iran und was ihre Bürger? Und warum wollen sie das und nichts anderes? Und schließlich: Was will El Kaida? Und wollen alle El-Kaidisten dasselbe? Solche Fragen sind lange nicht mehr gestellt worden. Erst heute, sechs Jahre nach den Anschlägen vom 11. September, da dem Westen dämmert, dass er den Krieg auch verlieren könnte, erst jetzt werden diese Fragen wieder gestellt.

Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Krieg gegen den Terror nicht gewonnen werden kann, denn der Terror als Erscheinungsform der Gewalt wird nie auszurotten sein. Gewinnen lässt sich der Krieg gegen Terroristen - der Krieg gegen El Kaida. Dafür aber braucht es ein radikales Umdenken.

Ulrich Ladurner in FALTER 36/2007



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