Gegen Ende des Morgens

Michael Frayn


Journalismus ist...

Der vor vier Jahren gegründete Dörlemann Verlag hat ein gewisses Faible für die Wiederentdeckung britischer Autoren. Nach den Reisereportagen von Patrick Leigh Fermor und den todtraurigen Romanen Patrick Hamiltons ("Hangover Square") nähert man sich mit Michael Frayn, Jahrgang 1933, nun behutsam der Gegenwart. Dessen 1967 im Original erschienener Roman "Gegen Ende des Morgens" gehört zu jenen well written novels, auf die man sich auf der Insel versteht und die in einem Kulturkreis, der schlechtes Deutsch gern als Stilwillen durchgehen lässt, allzu leicht unterschätzt werden. Dass der Tschechow-Übersetzer Frayn darüber hinaus ein erfolgreicher Dramatiker ist, merkt man auch den Dialogen an, selbst oder gerade dann, wenn ihnen die letzten Reste an Sinnhaftigkeit verloren zu gehen drohen: "Ich will nur, dass du das tust, was du willst. Ich finde, du solltest es tun, wenn du findest, dass du es tun solltest."
"Gegen Ende des Morgens" ist auch ein satirischer Roman über den Journalismus, der hier aber nicht in erster Linie als zynischer Kampf um die fetteste Schlagzeile, sondern – realistischer – als ein Mix aus Routine, Ritualen und lachhafter Selbststilisierung beschrieben wird. Die Arbeit in der Redaktion besteht, so scheint's, weniger in fiebriger Recherche als im Abtippen alter Kolumnen und in der bloßen Darstellung von hektischer Betriebsamkeit. Professionelle Erfahrung ist hier bloße Behauptung und ein Sack abgestandener Anekdoten, sodass der ebenso ehrgeizige wie effektive und wortkarge Erskine Morris als Volontär mehr zuwege bringt als die alten Haudegen. Hier stirbt man unbemerkt am Schreibtisch oder ignoriert das Kündigungsschreiben des Verlegers, weil es so etwas noch nie gegeben hat.
Der 29-jährige Bob – von der anlassigen Vermieterin und seiner amourös ambitionierten Freundin slapstickreif bedrängt – verfügt über das Phlegma eines Frühpensionisten, sein älterer Freund John träumt von einer Karriere beim Fernsehen, für die sein unbedarftes Gestammel bei einer TV-Diskussion über ethnische Konflikte eine ausreichende Grundlage zu bieten scheint – die Ansprüche halten sich ja in Grenzen: "Über vieles weiß ich ein bisschen was, schließlich bin ich Journalist."

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2007



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