Das Kainsmal

Chuck Palahniuk, Werner Schmitz


Impfung gegen Angst

Als weißer Mann kannst du dein ganzes Leben leben, ohne auch nur ein einziges Mal nicht dazuzugehören", schreibt Chuck Palahniuk. Er und eine Freundin mieten sich also Kostüme – ein Ganzkörper-Bärenfell für sie, einen albernen Dalmatiner-Plüschanzug für ihn – und spazieren durch Seattle. "Dein Hals schaut raus, Arschloch!", ruft ein Bursche und versetzt ihm einen Tritt, andere schubsen, wollen wissen, was es bei der Werbeaktion umsonst gibt. Palahniuk raucht in der Fußgängerzone eine Zigarette und hebt am Schaufenster von Tiffany's sein Bein: "All diese Leute hinter ihren eigenen Masken: Sonnenbrillen und Autos und Mode und Frisuren. Fahren an uns vorbei und rufen ‚Ihr gottverdammten Schwuchteln ...'", berichtet er in der Reportage "Mein Leben als Hund" (erschienen im Sammelband "Non-Fiction", 2005).
Auf wenigen Seiten enthält dieser ungemein witzige Erlebnisbericht die Essenz von Palahniuks Schreiben: den Mut zur Übertreibung, die kindliche Freude an der Subversion insbesondere US-amerikanischer Alltagsrituale und natürlich die Vorliebe für Helden, die erhaben und lächerlich zugleich sind.
Acht Romane hat der Mann, dessen Namen man "Paahlänik" ausspricht, bisher veröffentlicht. Dass diese zumindest in den USA Bestseller sind, verdankt sich auch dem Erfolg der Filmversion seines 1996 im Original erschienen Debüts "Fight Club": Wie der damals von Brad Pitt (erhaben) und Edward Norton (lächerlich) in Doppelbesetzung verkörperte Tyler Durden sind alle Helden Palahniuks einsam und auf der Suche nach Anschluss. Ihrer extrem subjektiven Wahrnehmung kann der Leser nicht trauen, in der Nachfolge von Don Quichote suchen sie Zuflucht in bizarren Obsessionen. Rant Casey, der Titelheld von Palahniuks neuem und bislang vielleicht bestem Roman "Rant" (die deutsche Übersetzung erscheint dieser Tage unter dem Titel "Das Kainsmal"), ist süchtig nach Realität – ein abseitiges Vergnügen im konsumkonformen Amerika der nahen Zukunft. Durch eine angeborene Hypersensitivität erkennt Rant, quasi als US-Variation von Patrick Süßkinds Grenouille ("Das Parfüm"), die Fastfoodvorlieben seiner Geschlechtspartnerinnen am Geruch. Dabei ist sein Hobby weniger das Penetrieren von Körpern als das der Erde selbst: Am liebsten sucht er in der Natur Mulden und Tunnels, um seine Gliedmaßen hineinzustecken: "Am Grunde des Lochs ein Stinktier, ein Waschbär, eine Coyotenmutter mit Welpen, oder eine Klapperschlange. Das Gefühl von weichem Fell oder glatten Schuppen, warm oder kühl, dann – kah-pow – der Zugriff der Zähne, und Rants Bein ein einziges Zittern. (...) Den ganzen Sommer hing ihm die Haut an Zehen und Fingern in Fetzen. Ein Schlangenbiss hier, ein Giftspritzer da, Rant trainierte für etwas Großes: Eine Impfung gegen die Angst."
Durch die unzähligen Bisse wird Rant zum patient zero, dem Erstträger einer neuen Form von Tollwut, die – je nach Blickwinkel – vielleicht auch schlicht Konsumverweigerung, Subversion oder Aussteigertum heißen könnte und sich durch den nun als "verrückter Hund" verrufenen Casey im ganzen Land verbreitet: "Was, wenn die Realität nichts als eine Krankheit ist?", heißt es einmal im Roman. Was, wenn die dominante Kultur sie uns als solche verkauft?
Wie schon in "Fight Club" sind sogenannte Tatsachen in "Rant" ein flüchtig Ding: Nie kommt der Held selbst, nie kommt ein vertrauenswürdiger Erzähler zu Wort. Stattdessen persifliert ein Puzzle aus bewusst widersprüchlichen "Interview-Passagen" die Form der "authentischen" Celebrity-Biografie. In der Parallelmontage von nicht weniger als 56 (!) namentlich gekennzeichneten Zeugenberichten bleibt Amerikas berühmtester Tollwutpatient – ähnlich dem konjuktivischen Konrad aus Thomas Bernhards "Kalkwerk" – letztlich immer ein Schatten. Ein Schatten, oder vielleicht eine Legende.
In seinem 2003 erschienenen Roman "Diary" ("Das letzte Protokoll") bezieht sich Palahniuk konkret auf C.G. Jung: "Wir sehen nie die anderen. Stattdessen sehen wir Aspekte unserer selbst, die sich über andere legen. Schatten. Projektionen. Unsere Assoziationen." Dementsprechend legendenumrankt ist die Person Palahniuk mittlerweile selbst. Laut eigener Aussage ist der Autor Teil der anarchisch organisierten Cacophonysociety, deren Mitglieder sich seit Mitte der Achtziger in unregelmäßigen Abständen per Kettenbrief verabreden, um in Frack und Zylinder durch Abwasserkanäle zu kriechen oder beim "Santa Rampage" Rauschebärte anzulegen und sich öffentlich zu betrinken. Palahniuks Vorliebe für groteske Verkleidungen (wie in der Hundereportage) oder für Gruppenrituale, deren Regeln nur Mitgliedern verständlich sind (wie in "Fight Club"), mag auf Cacophony-Erfahrungen gründen. In "Rant" wiederum ziehen einsame Städter nachts zum "Party Crashing" aus, einem illegal veranstalteten Autorammen im Alltagsverkehr, dessen Kombattanten sich an subtilen Signalen wie einem Christbaum auf dem Dach oder einem "Soccer Mum"-Aufkleber an der Heckscheibe erkennen.
Die Vorstellung alternativer, geheimnisvoller Codes, die die Zeichen des Alltags überlagern, fasziniert den Autor seit je: Wer "Choke" ("Der Simulant") gelesen hat, wird Kaufhausdurchsagen wie "Frau Brandt bitte zu Kasse 1" oder "Herr Knall auf Leitung 3" nie wieder hören, ohne "Feuer im ersten" oder "Sprengsätze im dritten Stock" zu vermuten.

Durch den 11. September 2001 hat die absurd-komische Paranoia in Palahniuks Büchern noch eine neue Dimension bekommen. In seinem vorletzten Roman, der Horrorsatire "Haunted" ("Die Kolonie"), wird eine Gruppe von Schriftstellern in einem verlassenen Einkaufzentrum gefangengehalten. Palahniuk borgt sich die Form von Boccaccios Novellensammlung "Decamerone" und lässt entlang der Rahmenhandlung jeden von ihnen eine Geschichte erzählen. Doch wo sich Boccaccios Adelige durch frivole Anekdoten vom realen Schrecken der Pest ablenken, gebiert die Schreibklausur in "Haunted" erst recht das Grauen: Krasse Konfrontation mit statt Ablenkung von den tiefsten Ängsten lautet hier der therapeutische Ansatz des Erzählens. Laut Medienberichten sind insgesamt 73 Zuhörer bei Palahniuks "Haunted"-Lesungen in Ohnmacht gefallen. Legendenbildung? Schwer zu sagen. Am besten, man macht die Probe aufs Exempel und besucht die Lesung des Autors in Wien: Die eine oder andere Blut-und-Beuschl-Szene hält auch "Rant" für schwache Nerven bereit.

Maya McKechneay in FALTER 36/2007



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