Tütenbierroman

Mikko Rimminen, Stefan Moster


Lesen im Fisch

Mikko Rimminens "Tütenbierroman" erzählt fast nichts von Menschen, die fast nichts tun - auf höchstem Niveau.

Als Fremdsprachenunkundiger muss man den Übersetzern von Büchern vertrauen, dass sie etwaige eigene literarische Ambitionen hintanstellen, sich also auf die reine, unverbrämte Übertragung konzentrieren. Manchmal ahnt man aber, dass der Übersetzer über die Stränge geschlagen haben muss und dass dies dem Buch nur zum Vorteil gereicht, adjektivisch wird in diesem Zusammenhang gern ein abgestandenes "Kongenial" bemüht, wenn Rhythmus, gute Kenntnisse lokaler Besonderheiten, Einfühlungsvermögen in die Gehirnkapriolen des Autors erahnbar sind.

Harry Rowohlt kann das bekanntermaßen, dass es eine Freude ist, genauso wie der vor sieben Jahren verstorbene saarländische Zuckerbäcker Eugen Helmlé, der in seiner Freizeit Raymond Queneau und Georges Perec übertrug - "und andere so oder so, ließ auch Stuttgart nie links liegen, bevor er das Große Fahrzeug bestieg", wie in seiner Biografie vermerkt ist.

Nun liegt ein Buch vor, ein finnisches noch dazu, das ebenso freudig die eigene Sprache knetet, quetscht und würgt. Abschweifung und ornamentaler Stuck dienen als Ausgangsbasis, an die alibihalber eine Art Geschichte gepappt wurde. Und man ahnt, dass der Übersetzer Stefan Moster sich hier mächtig ins Zeug gelegt haben muss, um den Irrsinn adäquat zu übertragen, ohne ins Schrullige zu schlittern.

In Mikko Rimminens "Tütenbierroman" passiert eigentlich so gut wie gar nichts, und das wenige wird auch noch auf einen ganzen Tag ausgewalzt, was lähmend sein kann, wenn Rimminen diese Szenarios nicht mit allerlei aberwitzigen Gedanken und Bildern befüllt hätte, die sehr an eine gewisse Zazie in der großen Stadt erinnern.

Drei Arbeitsscheue, die den Zug ins geregelte Älterwerden verpasst haben, spazieren durch Kallio, jenen "proletarischen" Stadtteil Helsinkis, den man aus den Filmen Kaurismäkis kennt, in dem sich eine Dünnbierbar an die nächste reiht, unterbrochen vielleicht von einer Blumenhandlung. Sie tun nichts, das aber auf allerhöchstem Niveau, sie "praktizieren blitzsaubere großstädtische Gleichgültigkeit, was allerdings ziemlich provinziell ausgedrückt war". Sie sind sich also der Ereignislosigkeit ihres Daseins bewusst, was eine gute Grundlage für allerlei sprachliche und gedankliche Mäander bietet. So überrascht zum Beispiel ein fürchterlicher Regen die drei Antihelden und bringt die Gullis zum Überlaufen, sodass man neugierig auf den Grund schauen muss, "und dort schimmerte es, das chinesische Dorf, das dem Bau des Staudamms zum Opfer gefallen war, ein Schwung mit kaltem Wasser gefüllte Räume, in denen mitten in ihren Verrichtungen erstarrte Familien trieben".

Beim angestrengten Laufen durch den Regen quietscht einem der Männer das Herz in den Angeln, es will nach draußen, durch die Luftröhre, die Augen und Ohren, und dann, logisch, "durch diesen kleinen, pulsierenden Punkt auf der Fußsohle". Das Herz stellt sich dann aber doch wieder "auf die Hinterbeine, und die fröstelnden Extremitäten in den durch und durch nassen Jeans waren wieder zu unbrauchbaren Einzelgliedmaßen verholzt, als wären jedem einzelnen Atom plötzlich Widerhaken gewachsen, die sich mit dem Nachbarn verkanten, sodass kein Bewegungsspielraum mehr bleibt".

So reihen sich massenhaft meisterhafte Bilder und Vergleiche dieser Art aneinander, dass einem schwindelig werden kann, aber auch den Ärger vertreiben, der den Leser angesichts der vollkommenen Ereignisarmut der Geschichte immer wieder anwandelt. Eine Oma bricht zusammen, und man "bückt sich, um in ihr zu lesen wie in den Innereien eines Fisches". Und so sollte man den "Tütenbierroman" ebenfalls lesen, wie in einer Oma oder einem Fisch.

Tex Rubinowitz in FALTER 35/2007



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