Day

A.L. Kennedy


A Time to Love and a Time to Die

Day steht in Versalien auf dem sehr schön gestalteten Umschlag (bravo, Julie August!) – und man ist geneigt, hierfür die Bequemlichkeit der Verlage und Übersetzer verantwortlich zu machen, die in letzter Zeit dazu neigen, Titel aus dem Englischen einfach zu übernehmen – siehe das Gesamtwerk von Nick Hornby oder Ian McEwans vorletzten Roman "Saturday". Im vorliegenden Falle aber ist weder D Day noch V Day noch sonst ein "Tag" gemeint, vielmehr steht "Day" schlicht für den Nachnamen des Protagonisten – und den kann man nun wirklich nicht ins Deutsche übertragen. Alfred F. Day, am Ende des Romans Mitte zwanzig, war 15, als der Krieg ausbrach, in dem er den Job eines, ganz richtig: Heckschützen (nicht: Heckenschützen) bei der Royal Airforce versieht.
Die Schottin A.L. Kennedy, 1965 in Dundee geboren und heute in Glasgow ansässig, gehört zu den meistbeachteten britischen Schriftstellern. Zuletzt erschienen ist "Paradies", der tragikomische Roman über eine schwere Alkoholikerin, die immer wieder versucht, die Filmrisse zwischen ihren Zuständen paradiesischer Trunkenheit zu rekonstruieren.
Sollte man von der überzeugenden Darstellung des Deliriums der Hannah Luckraft auf die Trinkgewohnheiten der Autorin geschlossen haben, wird man sich solch psychologisierenden Kurzschluss angesichts des jüngsten Romans vielleicht noch einmal überlegen. So überzeugend ihre Schilderungen der Flugeinsätze auch ausfallen – am Abwurf der verheerenden Brandbomben auf Hamburg von 1943 kann die Autorin schwerlich persönlich beteiligt gewesen sein: "Als sie sich heimwärts wenden, kann Alfred die nackte Stadt betrachten: das schmale, gerade Glitzern der Kanäle, das Schimmern der Alster, die weißen Sprenkel der Brandbomben, die rot werden, wenn sie zupacken: dichte Rauchschwaden wie Kulissen der Nacht, des Nichts, und ein Blockknacker entfaltet sich, zieht Ringe von Druckwellen um sich, ein heller Blitz, der sich zum Brand verdunkelt, noch mehr Rauch. Er sollte nicht hinsehen, aber heute ist die Magische Macht, also tut er es doch."
Die Auseinandersetzung mit dem Luftkrieg hat im Zuge von W.G. Sebalds (nicht ganz ohne Selbstgefälligkeit vorgetragenem) Verdikt von der Unfähigkeit der deutschen Literatur, dieses Trauma adäquat zu fassen, für einiges Aufsehen gesorgt. Ob Kennedy nun eine ästhetisch korrekte Bewältigung der Aufgabe aus "Täterperspektive" liefert, sei dahingestellt. Wie schon in manchem ihrer vorangegangenen Bücher liegt der Reiz und die Irritationskraft von "Day" darin, sich ganz ohne auktoriale Relativierung der Perspektive des Protagonisten auszuliefern – etwas, was die Schriftstellerin Ursula K Le Guin in ihrer Rezension für den Guardian als plausibel, aber auch "erstickend" empfand. Kennedy zieht für diese Annäherung an ihren ver-, um nicht zu sagen, gestörten, in gerechtem Hass auf den Vater und in rührender Liebe zu Joyce entflammten Helden alle Register: in der ersten, zweiten und dritten Person Einzahl und in einem hochartifiziellen, zwischen verschämter Wortkargheit und exaltierter Expression, zwischen zärtlicher Anrede und innerem Monolog changierenden Idiom, das dem fast ein wenig autistischen Helden hier gleichsam geliehen wird und jeglichen psychologischen Realismus weit hinter sich lässt.
Mitunter schwingt sich die Sprache ganz buchstäblich zum Gesang auf, dem in der RAF-Crew, Alfreds Ersatzfamilie, naturgemäß große Bedeutung zukommt und grimmigste Ironie just dort gewinnt, wo er wortwörtlich verstanden werden darf: Als es einen der Soldaten im Lancaster-Bomber erwischt, singen die anderen: "He's a-a-all over the place." In solchen Momenten gelingt Kennedy kein geringes Kunststück: die unpeinliche Evokation dessen, was man früher einmal "Kameradschaft" genannt hat.

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2007



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