Eine sehr kleine Frau

Peter Henisch


Der Klang der Zeit

Nun hat auch Peter Henisch einen Schriftstellerroman geschrieben – das Sujet liegt offenbar in der Luft. Allerdings ist es kein egozentrisches Buch, es geht darin ja vor allem um "eine sehr kleine Frau". Auch ist es mit der biografischen Zuschreibung gar nicht so einfach: Der Held Paul Spielmann ist um die sechzig und hat als Literaturprofessor zwanzig Jahre in den Staaten gelebt, ehe er in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte. In der Verlagswerbung heißt es aber, "Peter Henisch" erinnere sich in diesem Roman "an jene Frau, von der er gelernt hat, was sein weiteres Leben prägen sollte: das Erzählen". Dass Peter Henisch und Paul Spielmann dieselbe Großmutter gehabt haben müssen, liegt auf der Hand. Schon in dem jüngst neu aufgelegten Roman "Pepi Prohaska Prophet" (1986) hat der Autor dem Helden eine ähnlich eindrucksvolle Großmutter zur Seite gestellt. Und wie hat Professor Spielmann (!) seinen Studenten im Creative-Writing-Kurs immer gesagt: "Literature is a game. Ein Spiel mit gelebten und ungelebten Möglichkeiten."
Dieser Paul Spielmann ist in Wien, weil er einen Untersuchungstermin im Spital hat. Er hat seine Zelte in Amerika abgebrochen und sich in einem alten Vorstadthaus eingemietet. Es gibt da eine Zeile von Walter Buchebner über das Wien der Wiederaufbauzeit: "man stimmt das gedächtnis wie ein klavier dezent auf vergessen". Beim Icherzähler verhält es sich umgekehrt: Er entdeckt beim Altwarenhändler einen Bösendorfer, der jenem der verstorbenen Großmutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Klavier schlägt einen Ton in ihm an, es löst Erinnerungen aus, an die Großmutter, aber auch an all das, was man in den Fünfzigerjahren tunlichst vergessen wollte. Es drängt Spielmann zum Schreibtisch, obwohl er damals, vor seinem Weggang, der Literatur abgeschworen hat. Auslöser war diese Geschichte vom Ende des Erzählens, auf die er, nach langer Gegenwehr, schließlich doch hereingefallen war. Dabei hätte er nur auf seine Großmutter hören müssen. Sie, die Säuglingsschwester, war so etwas wie die Hebamme seiner Literatur. Und der Enkel war, wie die Eltern scherzten, die "letzte Liebe" der Großmutter. Auf vielen Spaziergängen hat sie ihm Geschichten aus dem Alten Testament erzählt und aus den Klassikern, von der Kaiserin Elisabeth und von den Indianern. "Wenn man erzählt, sagte die Großmutter, dann ist das, wie wenn man einen Weg geht. Einen Weg, an dessen Rand man von Schritt zu Schritt mehr sieht." Eigentlich wollte der Enkel diese Selbstverpflichtung zur Kunst loswerden, aber jetzt hat er, ein Rückfalltäter sozusagen, wieder Feuer gefangen. "Hast du Worte? Sagte die Großmutter. Ja, nun hatte ich Worte."
Peter Henisch hat keine Eile beim Erzählen. Mit der Nonchalance und Umsicht eines erfahrenen Kapitäns navigiert er den Leser durch seine Geschichte. In aller Ruhe lässt er seinen Helden nach dem ersten Satz eines Romans suchen (vielleicht "Sie war eine sehr kleine Frau"?), der längst begonnen hat. Peu à peu vervollständigt sich das Bild der Frau Marta Prinz, geborene Glück, und ihrer Familie. Das ist keine im üblichen Sinne spannende Story, es ist eine liebevolle Hommage, vergleichbar mit Monika Marons schönem Großelternbuch "Pawels Briefe". Ein Alterswerk, wenn man so will, naturgemäß nostalgisch; da erinnert sich einer an eine Zeit, als es an der Stadtgrenze noch so etwas gab "wie eine Gegend". Als Stilist nimmt Henisch sich umso mehr zurück, als der Stoff nach Plakativem zu schreien scheint. Hie und da wechselt die Tonart, doch die Erzählerstimme bleibt ruhig:
"Es war einmal ein Mann Mitte dreißig, der hatte im Krieg Hand und Heimat verloren. Es war einmal eine Frau Mitte zwanzig, der hatte ein anderer Mann ein Kind gemacht. Es war einmal eine große Monarchie, die war Vergangenheit. Es war einmal eine kleine Republik, die war Gegenwart."
Die Geschichte dieser Großmutter, die auch einmal jung war, ist typisch und ungewöhnlich zugleich: Als Jüdin wurde sie die Frau eines fanatischen Nazis. Der nahm sie samt ihrem Sohn Walter, nachdem ihr erster Mann, ein böhmischer Goj mit dem jüdischen Namen Spielmann, auf und davon gegangen war. Wirklich umerziehen hat der sudetendeutsche Kämpfer sie nicht können, aber sie blieb ihm ihr Leben lang dankbar. In ihrem Enkel hat sie wohl eine Art Ersatz für ihren Sohn gesehen, der unter dem Stiefvater zu leiden hatte und zu dem auch sie keinen Zugang fand. Sein Porträt hat Henisch in "Die kleine Figur meines Vaters" gezeichnet. "Eine sehr kleine Frau" ist die gelungene Fortsetzung dieses Projekts einer Familiengeschichte ohne Größenwahn.＀

Daniela Strigl in FALTER 34/2007



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