Chilenisches Nachtstück

Roberto Bolaño, Heinrich von Berenberg


Wer mag er wohl sein, dieser "vergreiste Grünschnabel", für den der Icherzähler noch am Totenbett zur nocturnen Rechtfertigungsrede ansetzt? Anfangs zeigt sich der Priester, Literaturkritiker und Dichter Sebastián Urrutia Lacroix in seinem weit ausholenden Monolog noch empört ob der gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Aber recht schnell bröckelt die Fassade der Selbstgerechtigkeit und die verfolgende Instanz erweist sich als nichts anderes als das eigene Gewissen: "Ich sterbe jetzt, aber vorher habe ich noch einiges zu sagen." Nicht die Berufung zu Gott, sondern die Begegnung mit dem diabolisch gezeichneten Literaturkritiker Farewell stellt das Schlüsselerlebnis in Lacroix' Jugend dar. Sie lässt bei dem jungen Priester den Wunsch aufkeimen, selbst eine Rolle im Kulturbetrieb zu spielen. Bolaños brillante Sprache trägt den Leser von angedeuteten Geheimnissen – Ekel vor Armut, Homosexualität, Verstrickungen mit Opus Dei – zur realen Schuld, die auf Opportunismus fußt und mit einem elitären Kunstbegriff einhergeht.
Es könnte sein, dass Lacroix all das verkörpert, was der nach dem Militärputsch in Chile eingesperrte und 2003 im spanischen Exil verstorbene Roberto Bolaño selbst hasste. Dennoch fehlt seinem Roman jeglicher moralisierende Ton. Stattdessen sieht sich Bolaño lieber genau an, wie der konservative Intellektuelle tickt und wie dieser die Gewichte von persönlicher und kollektiver Schuld auszutarieren versucht.

Nicole Scheyerer in FALTER 34/2007



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