Die Lage des Landes

Richard Ford


New Jersey State of Mind

New Jersey ist die große Bühne der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Hier spielen Philip Roths Familien- und Beziehungsdramen, hier ist Frank Bascombe daheim, Richard Fords Durchschnittsami, dem er in den vergangenen zwanzig Jahren eine Romantrilogie von über 1800 Seiten gewidmet hat, die nach "Der Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag" nun mit "Die Lage des Landes" einen für den Helden fatalen, für den Autor dagegen triumphalen Abschluss gefunden hat.
Warum New Jersey? New Jersey erstreckt sich südlich von New York entlang der Ostküste. Es firmiert als "Garden State", was weite Gebiete im Landesinneren gut trifft, wo sich ein schmuckes Städtchen ans andere reiht und die Bürger offenbar viel Zeit und Mühe in die Pflege ihrer Gärten investieren. Das ändert sich, je weiter man sich der Küste nähert. Noch lange bevor man das Meer erreicht, dringt man ein in einen Brei aus Feriensiedlungen, Schnellrestaurants, Casinos und Bootshäfen, der keine funktionierende Siedlungsstruktur mehr erkennen lässt. Im Norden schließlich kann vom "Garden State" überhaupt keine Rede mehr sein, da bewegt man sich nur noch auf Schnellstraßen zwischen heruntergekommenen Industriegebieten, Raffinerien, endlosen Malls und Flughäfen, im Hintergrund die Silhouette Manhattans: Hier liegt Philip Roths Newark, sozial und ökonomisch genauso ruiniert wie Trenton im Süden des Landes.
New Jersey bildet die USA im Kleinen ab, vielleicht ist es das, was gerade diesen Bundesstaat für Großepiker so interessant macht. Stadt und Land, Arm und Reich, Hightech und Industriebrachen, internationales Business und religiöses Sektierertum – New Jersey bietet auf überschaubarem Raum den Stoff für die dicksten Romane. Und was wollen Romanciers? "Sie wollen Bedeutsames aus dem amoklaufenden Leben herausdestillieren, einfach indem sie auswählen, verändern und erzählen", heißt es bei Richard Ford. Für Thomas Bernhard war der Romancier nicht mehr und nicht weniger als ein Realitätenvermittler – und siehe da, auch Richard Ford findet eine Gemeinsamkeit zwischen Maklern und Romanciers: "Makler schaffen Bedeutung durch Verkaufen, was mehr Geld einbringt als das Geschäft des Romanciers, und vermutlich ist man auch leichter gut drin."
Nachdem er seine Karriere als Sportreporter beendet hatte, stieg Frank Bascombe in "Unabhängigkeitstag" auf das Makeln um. Davon lebt er auch im dritten Band, von dem man sich alles außer einem mitreißenden Plot erwarten darf. Es ist eben ein Maklerroman, und der handelt davon, wie einer mit taxierendem Blick die Küstenstraßen auf und ab fährt, wie er Kunden von den Vorzügen bestimmter Lagen und Objekte zu überzeugen versucht, wie er im Laufe der Jahre sein Revier zu lesen lernt, weil er unendlich viele Geschichten über die Häuser und deren Bewohner kennt.
Ein ruhiges Dasein in der "Permanenzphase", wie Bascombe, nunmehr 55 Jahre alt, diesen Lebensabschnitt nennt, da man schon einiges erreicht hat und nicht mehr darauf angewiesen ist, sich und anderen etwas zu beweisen. Allerdings muss er das Ende seiner zweiten Ehe verkraften, weil überraschenderweise Wally, der totgeglaubte erste Ehemann seiner Gattin Sally, wieder auftaucht. Das passiert genau in jenen Wochen, da die Ärzte bei Frank Prostatakrebs diagnostizieren und seine bisexuelle Tochter ihre Geliebte wegen eines ausgesucht widerlichen Typen in die Wüste schickt. Und der Sohn, der für Hallmark Glückwunschkarten konzipiert, liefert allein durch sein bräsiges In-der-Welt-Sein auch keinen wirklichen Grund zur Freude. Dem Land geht es, wenn man genauer hinschaut, auch nicht recht gut. Wir schreiben das Jahr 2000, Thanksgiving steht vor der Tür, die USA quälen sich durch das Interregnum, das durch den Ausgang der Präsidentenwahl entstanden ist, die George W. Bush am Ende auf bis heute umstrittene Weise hauchdünn für sich entscheiden wird. Bascombe übrigens hat für die Demokraten gestimmt.

Noch einmal: Sehr viel mehr wird nicht erzählt auf diesen 682 Seiten. Dieser Roman braucht geduldige Leser, die etwas Zeit haben, um nach und nach seine Textur zu verstehen. In einer Besessenheit fürs Detail, die ihresgleichen sucht, wird aus solchen Oberflächenwahrnehmungen New Jersey zusammengesetzt: die Einrichtung einer Bar, die Kleidung der Figuren, sogar noch der Müll in einer Kloschüssel – Ford lässt nichts aus. Aber irgendwann, nach 150 oder 200 Seiten, erwachen diese Details zu einem Eigenleben. Leben? Es ist ein dauerndes Sterben in diesem Epos, das vom Gesetz des gnadenlosen Zerfalls regiert wird: Da fehlt einer Leuchtreklame über einem Drive-in ein Buchstabe; da drohen die Stützen, die ein Haus über der Küste halten sollen, einzubrechen, weil sie zu schlampig gearbeitet wurden; da steuern Greise, kaum noch ihrer Kräfte mächtig, marode Kisten über die Highways. Überall liegt Müll herum. Wer nicht alles niet- und nagelfest abschließt, muss um sein Hab und Gut fürchten. All diese Erzählpartikel ergeben zusammen ein apokalyptisches Riesengemälde: die USA auf rasendem Weg in den Abgrund, während die oberflächliche Normalität New Jerseys unangetastet zu bleiben scheint. Dass Bascombe am Ende von einem jugendlichen Autodieb angeschossen wird – wen wundert's noch?
Die bitterste Pointe aber wird gar nicht mehr erwähnt: dass wenige Tage nach dem Ende des Romans George W. Bush zum Wahlsieger erklärt wird. Was um Thanksgiving 2000 auf Frank Bascombe einstürzte, war also nur eine milde Vorahnung dessen, was Amerika und die Welt in den folgenden Jahren erwartete. Dieser Roman ist der Abgesang auf die Ära Bush, von deren Anbruch im Zeichen des Niedergangs er handelt – ein eminent politischer Roman und dabei ein großes erzählerisches Kunstwerk쇓New Jersey ist die große Bühne der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Hier spielen Philip Roths Familien- und Beziehungsdramen, hier ist Frank Bascombe daheim, Richard Fords Durchschnittsami, dem er in den vergangenen zwanzig Jahren eine Romantrilogie von über 1800 Seiten gewidmet hat, die nach "Der Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag" nun mit "Die Lage des Landes" einen für den Helden fatalen, für den Autor dagegen triumphalen Abschluss gefunden hat.
Warum New Jersey? New Jersey erstreckt sich südlich von New York entlang der Ostküste. Es firmiert als "Garden State", was weite Gebiete im Landesinneren gut trifft, wo sich ein schmuckes Städtchen ans andere reiht und die Bürger offenbar viel Zeit und Mühe in die Pflege ihrer Gärten investieren. Das ändert sich, je weiter man sich der Küste nähert. Noch lange bevor man das Meer erreicht, dringt man ein in einen Brei aus Feriensiedlungen, Schnellrestaurants, Casinos und Bootshäfen, der keine funktionierende Siedlungsstruktur mehr erkennen lässt. Im Norden schließlich kann vom "Garden State" überhaupt keine Rede mehr sein, da bewegt man sich nur noch auf Schnellstraßen zwischen heruntergekommenen Industriegebieten, Raffinerien, endlosen Malls und Flughäfen, im Hintergrund die Silhouette Manhattans: Hier liegt Philip Roths Newark, sozial und ökonomisch genauso ruiniert wie Trenton im Süden des Landes.
New Jersey bildet die USA im Kleinen ab, vielleicht ist es das, was gerade diesen Bundesstaat für Großepiker so interessant macht. Stadt und Land, Arm und Reich, Hightech und Industriebrachen, internationales Business und religiöses Sektierertum – New Jersey bietet auf überschaubarem Raum den Stoff für die dicksten Romane. Und was wollen Romanciers? "Sie wollen Bedeutsames aus dem amoklaufenden Leben herausdestillieren, einfach indem sie auswählen, verändern und erzählen", heißt es bei Richard Ford. Für Thomas Bernhard war der Romancier nicht mehr und nicht weniger als ein Realitätenvermittler – und siehe da, auch Richard Ford findet eine Gemeinsamkeit zwischen Maklern und Romanciers: "Makler schaffen Bedeutung durch Verkaufen, was mehr Geld einbringt als das Geschäft des Romanciers, und vermutlich ist man auch leichter gut drin."
Nachdem er seine Karriere als Sportreporter beendet hatte, stieg Frank Bascombe in "Unabhängigkeitstag" auf das Makeln um. Davon lebt er auch im dritten Band, von dem man sich alles außer einem mitreißenden Plot erwarten darf. Es ist eben ein Maklerroman, und der handelt davon, wie einer mit taxierendem Blick die Küstenstraßen auf und ab fährt, wie er Kunden von den Vorzügen bestimmter Lagen und Objekte zu überzeugen versucht, wie er im Laufe der Jahre sein Revier zu lesen lernt, weil er unendlich viele Geschichten über die Häuser und deren Bewohner kennt.
Ein ruhiges Dasein in der "Permanenzphase", wie Bascombe, nunmehr 55 Jahre alt, diesen Lebensabschnitt nennt, da man schon einiges erreicht hat und nicht mehr darauf angewiesen ist, sich und anderen etwas zu beweisen. Allerdings muss er das Ende seiner zweiten Ehe verkraften, weil überraschenderweise Wally, der totgeglaubte erste Ehemann seiner Gattin Sally, wieder auftaucht. Das passiert genau in jenen Wochen, da die Ärzte bei Frank Prostatakrebs diagnostizieren und seine bisexuelle Tochter ihre Geliebte wegen eines ausgesucht widerlichen Typen in die Wüste schickt. Und der Sohn, der für Hallmark Glückwunschkarten konzipiert, liefert allein durch sein bräsiges In-der-Welt-Sein auch keinen wirklichen Grund zur Freude. Dem Land geht es, wenn man genauer hinschaut, auch nicht recht gut. Wir schreiben das Jahr 2000, Thanksgiving steht vor der Tür, die USA quälen sich durch das Interregnum, das durch den Ausgang der Präsidentenwahl entstanden ist, die George W. Bush am Ende auf bis heute umstrittene Weise hauchdünn für sich entscheiden wird. Bascombe übrigens hat für die Demokraten gestimmt.

Noch einmal: Sehr viel mehr wird nicht erzählt auf diesen 682 Seiten. Dieser Roman braucht geduldige Leser, die etwas Zeit haben, um nach und nach seine Textur zu verstehen. In einer Besessenheit fürs Detail, die ihresgleichen sucht, wird aus solchen Oberflächenwahrnehmungen New Jersey zusammengesetzt: die Einrichtung einer Bar, die Kleidung der Figuren, sogar noch der Müll in einer Kloschüssel – Ford lässt nichts aus. Aber irgendwann, nach 150 oder 200 Seiten, erwachen diese Details zu einem Eigenleben. Leben? Es ist ein dauerndes Sterben in diesem Epos, das vom Gesetz des gnadenlosen Zerfalls regiert wird: Da fehlt einer Leuchtreklame über einem Drive-in ein Buchstabe; da drohen die Stützen, die ein Haus über der Küste halten sollen, einzubrechen, weil sie zu schlampig gearbeitet wurden; da steuern Greise, kaum noch ihrer Kräfte mächtig, marode Kisten über die Highways. Überall liegt Müll herum. Wer nicht alles niet- und nagelfest abschließt, muss um sein Hab und Gut fürchten. All diese Erzählpartikel ergeben zusammen ein apokalyptisches Riesengemälde: die USA auf rasendem Weg in den Abgrund, während die oberflächliche Normalität New Jerseys unangetastet zu bleiben scheint. Dass Bascombe am Ende von einem jugendlichen Autodieb angeschossen wird – wen wundert's noch?
Die bitterste Pointe aber wird gar nicht mehr erwähnt: dass wenige Tage nach dem Ende des Romans George W. Bush zum Wahlsieger erklärt wird. Was um Thanksgiving 2000 auf Frank Bascombe einstürzte, war also nur eine milde Vorahnung dessen, was Amerika und die Welt in den folgenden Jahren erwartete. Dieser Roman ist der Abgesang auf die Ära Bush, von deren Anbruch im Zeichen des Niedergangs er handelt – ein eminent politischer Roman und dabei ein großes erzählerisches Kunstwerk.

Tobias Heyl in FALTER 33/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×