Das Alphabet der Zeit

Gerhard Roth


Meine schwärzesten Stunden

Es ist ein anstrengender Sommer für Gerhard Roth: Der steirische Autor feierte kürzlich seinen 65. Geburtstag, brachte eine Fotoausstellung hinter sich und am 24. August erscheint auch noch sein autobiografischer Roman "Alphabet der Zeit" (Rezension S. 6). Das mediale Interesse an Gerhard Roth ist dementsprechend groß. Trotzdem nahm er sich für das Falter-Interview jede Menge Zeit, beantwortete stundenlang Fragen und führte gutgelaunt durch seine Ausstellung. Seine Fotoarbeiten aus der Südsteiermark vergegenwärtigen Formen eines archaisch anmutenden Alltagslebens in der österreichischen Provinz, das in den letzten Jahrzehnten sukzessive verschwunden ist. Im Interview sprach Roth über die im aktuellen Buch erfolgte literarische Aufarbeitung seiner verdrängten Vergangenheit, über Fußball und die verderblichen Mechanismen der Grazer Kultur- und Literaturszene. Auf der Flucht vor Letzteren zog sich Roth schon in den Siebzigerjahren in die südweststeirische Einschicht zurück, dort, in seinem Haus in St. Ulrich im Greith, fand auch das folgende Gespräch statt.

Falter: Die meisten Jahre Ihres Lebens haben Sie in Graz verbracht, als literarischer Schauplatz kommt die Stadt im "Alphabet der Zeit" zum ersten Mal vor. Woran liegt das?
Gerhard Roth: In Graz habe ich meine schwärzesten Stunden erlebt. Daher habe ich wahrscheinlich lange Zeit vieles verdrängt und konnte mich auch lange nicht an Vergangenes erinnern. Meine Erinnerung hat erst mit über fünfzig eingesetzt, durch meinen Enkel Simon. Der wollte immer Dinge aus meiner Kindheit und meiner Mittelschulzeit wissen. Damals habe ich erst begonnen, ernsthaft über diese Zeit nachzudenken. Vorher hatte ich, wenn ich die Autobiografie eines Schriftstellers las, das Gefühl, dass ich selbst über keine Erinnerung verfüge. Erst mit dem Erzählen ist mir dann allmählich die Vergangenheit in mein Gedächtnis zurückgekommen. Natürlich war vieles davon tabuisiert, weil meine Eltern noch gelebt haben. Es war ein allgemeines Phänomen bei Kindern ehemaliger Nazis, dass zu Hause keine Gespräche darüber aufgekommen sind. Mein Vater und meine Mutter waren nach dem Krieg zwar keine Nationalsozialisten mehr vielleicht haben sie das verdrängt, vielleicht waren sie Opportunisten, aber sie waren jedenfalls ein klassisches österreichisches Ehepaar, das anfangs mitgemacht hat und nachher beleidigt war, wenn man darüber gesprochen hat.
Zurück zu den гschwärzesten Stunden", die Sie in Graz erlebt haben: Sind diese Erfahrungen grazspezifisch oder haben sie mit Ihrer damaligen biografischen Situation zu tun?
Ich war in Graz lange Zeit sehr unglücklich, hatte auch Selbstmordgedanken und konnte darüber nicht sprechen. Ich hatte eine sehr schwierige Mittelschulzeit, in den ersten fünf Jahren fünf Nachprüfungen. Ich musste bis zum 15. Lebensjahr Steireranzüge tragen, die meinem älteren Bruder gehört hatten. Im Lichtenfelsgymnasium waren meine Mitschüler gnadenlos gegenüber meiner Kleidung. Erst als ich größer geworden bin, repetiert habe und mich wehren konnte, habe ich mir Respekt verschafft.
Die Sechziger in Graz gelten als eine legendäre Zeit. Als Akteur waren Sie damals noch nicht dabei.
Ich hatte in dieser Zeit schon drei Kinder und eben erst begonnen zu schreiben. Einige Zeit später bin ich zum Forum Stadtpark und zur experimentellen Schreibweise gekommen. Als ich Gerhard Rühm in Graz gehört hatte, kam mir plötzlich alles, was ich vorher selbst geschrieben oder gelesen hatte, uralt vor. Besonders beeindruckt hat mich damals von der Wiener Gruppe Konrad Bayer, aber auch H.C. Artmann. Eine gewisse Ähnlichkeit habe ich zu Oswald Wiener gesehen, weil ich mich selber mit Datenverarbeitung und mit naturwissenschaftlichem Denken beschäftigte. Wolfgang Bauer kannte ich schon von früher; er ist ebenfalls ins Lichtenfelsgymnasium gegangen, aber eine Klasse über mir. Wir kannten uns schon vom Fußballspielen her, ich war damals ein guter Tormann, habe im Nachwuchs von Sturm und dann beim Grazer Sportklub gespielt. Der Thalhammer-Platz, der Sportplatz der Schule, war direkt vor dem Lichtenfelsgymnasium, da haben die Mädels in der Pause oft heruntergeschaut, und ich habe Paraden gemacht, auch Schmähparaden. Wolfi hat mir einmal in einem Klassenmatch zwei Tore geschossen. Bis zum Schluss hat er mir das immer unter die Nase gerieben.
Welche Grazer Erlebnisse wollten Sie vergessen?
Die Gehässigkeiten, den Hass, die mir entgegengebracht wurden. Das Heruntermachen. Das schlechte Gerede hinter meinem Rücken. Die Intrigen. Ganz allgemein hat mich auch immer die Distanzlosigkeit gestört. Was nahe ist, ist zu nahe, was entfernt ist, ist beleidigt. Graz ist ein Mittelding zwischen einer Großstadt und einem Dorf. Im Dorf kennt und hilft man einander, in Graz kennt man sich und ist einander neidig. In einer Großstadt ist man anonym, wenn man dagegen in Graz lebt und einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, muss man mit jedem Kumpel sein, sich vereinnahmen lassen. Das ist vielleicht das Schwerste für einen künstlerischen Menschen in Graz. Das war bei Franz Innerhofer so, das war bei Wolfgang Bauer, bei Werner Schwab und bei Gunter Falk so, sie wollten sich alle mit Trinken betäuben oder über die Mechanismen hinwegsetzen.
Welche Auswirkungen haben diese Grazer Mechanismen sonst noch?
Auf eine vertrackte Weise wird dadurch das Zusammenleben verlogen. Denn man durfte keine Schwäche zeigen, zum Beispiel an sich selbst zweifeln. Es gab entweder Freundschaft oder Feindschaft. Unter den Autoren waren auch keine Gespräche über Politik möglich. Es war eine Zeit, wo in гLinke" - Peter Turrini, Elfriede Jelinek, Gernot Wolfgruber, Michael Scharang - und "Unpolitische" eingeteilt wurde. In Graz war politisieren damals tabu, das ist als spießig abgetan worden.
Dabei hätte es Anlass genug zum Politisieren gegeben.
Es herrschte zum Beispiel ein eisernes Schweigen über den Nationalsozialismus. In der Stadt war dieses Thema strenger tabuisiert als die Sexualität. In der Sexualität haben wir begonnen, uns auszuleben. Da gab es eine Zeitenwende und auch diese Kitsch-Aufklärungsfilme von Oswald Kolle. Die Medien wurden von Parteizeitungen beherrscht, die nicht wirklich an der Aufklärung des NS interessiert waren, weil jede Partei ehemalige Mitglieder gehabt hat, die sie decken wollte. Die Freiheitlichen haben sich aber unverblümt zur Vergangenheit bekannt. Und dann gab es noch am Rande die Kommunisten. Ihr Problem war, dass wir zu nahe an der Grenze zum kommunistischen Jugoslawien und Ungarn gewesen sind: Der Ungarnaufstand, die Flüchtlinge, der Stacheldraht Р aber bei uns war es für die Kommunisten von jeher schwierig.
Zum Kontrast Stadt-Land: Sie meinten, dass in der Stadt Nationalsozialismus tabuisiert war und die Jugend über Sexualität zu sprechen begonnen hat, während dies am Land genau umgekehrt gewesen sei.
Der Kameradschaftsbund hat sich am Land als gleichwertiger Verein neben der Feuerwehr und den Musikkapellen etabliert, er hat seine Schnapsveranstaltungen und Bälle organisiert und ist ein gesellschaftlicher Faktor gewesen. Bei entsprechendem Alkoholpegel gab man auch die entsprechenden Heldensprüche über Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg von sich. In Wirklichkeit waren die Gefallenen am Land Schlachtopfer. Heldenehrung ist Schlachtopferehrung.
Mittlerweile hat sich die Situation in Stadt und Land verändert.
Am Land wurde die Enttabuisierung der Sexualität nachgeholt. Und die stille Begeisterung für den Nationalsozialismus hat nachgelassen. Man findet es nicht mehr so toll, im Gleichschritt herumzumarschieren.
Interessant ist die Frage, wie Vergangenheitsbewältigung im dörflichen Kontext passieren soll.
Die Vertreter demokratisch gewählter Parteien müssten lediglich ein paar klare Dinge dazu sagen. Der Bürgermeister und die Gemeinderäte müssten historisch sattelfest sein und ein ethisches Prinzip vertreten. Aber in der Politik geht's nur um Stimmen. Man will es sich mit keinem verderben. Das war selbst bei Kreisky nicht viel anders. Ich habe Kreisky einmal danach gefragt, weshalb er so viele ehemalige Nationalsozialisten als Minister berufen hätte. Er hat daraufhin geantwortet: "Wenn ich als Jude in Österreich anfange mit der Vergangenheitssache, was glauben Sie, was dann los ist? Was dann für ein Antisemitismus herauskommen würde? In den ersten fünf bis zehn Jahren nach dem Krieg hätten die Justiz und die Politik alles klären müssen."
Sie haben vor kurzem im "Standard" eine Serie über Migration und Flüchtlinge veröffentlicht. Braucht man wieder Schriftsteller, die den besseren Journalismus machen?
Es war mir schon seit Jahren ein Bedürfnis, darüber zu schreiben. überall, wo ich über das Thema gesprochen habe, stellte sich heraus: Kaum jemand hat eine Ahnung von Traiskirchen oder weiß, wie es dort ausschaut und zugeht. гIns Ungewisse" war das komplexeste Thema, über das ich geschrieben habe. Ich konnte in dieser Geschichte aber nicht nur das Herz sprechen lassen, sondern musste auch Tatsachen zur Kenntnis nehmen, selbst wenn sie mir einen Tiefschlag versetzten. Man muss die Gesamtheit im Auge behalten, um über Einzelheiten sprechen zu können. übrigens: Die Qualifikation der Beamten, die die Asylbescheide ausstellen, ist offenbar minder. Es kann sonst nicht sein, dass fast fünfzig Prozent der Urteile in der zweiten Instanz aufgehoben werden. Entweder sind die Betreffenden Stümper oder es gibt interne Vorgaben, wie man sich verhalten muss.
Es gibt jetzt eine andere Akzentuierung der Xenophobie.
Ich glaube, es ist die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, die auch von der Gewerkschaft geschürt wird. Das geht durch alle Parteien. Beim Islam gibt es Dinge, über die man sprechen muss, wie die Gleichberechtigung der Frau, Trennung von Religion und Staat Р Dinge, die wir in Europa erkämpft haben, stehen in muslimischen Ländern noch vor der Evolution. Aber auch wir haben viel zu lernen. Die Anerkennung des Fremden als gleichwertig durch die Bevölkerung ist der erste, der wichtigste Schritt in der gesamten Integrationsproblematik. Er kommt noch vor der Notwendigkeit, dass Asylanten gute Deutschkenntnisse erlangen müssen. Auf dem Land sage ich manchmal zu den Leuten: Wir sind jetzt in der EU, in fast keinem Bauernhof gibt es mehr ein Schwein, ihr habt immer mehr Häuser und immer weniger Kinder, vielleicht brauchen wir die Leute aus Tschetschenien oder Georgien eines Tages, damit sie die Höfe übernehmen und die Gegend nicht komplett unbesiedelt sein wird.
Zu Ihrem neuen Buch:
Welche Rolle hat Ihre Autobiografie für Ihren aktuellen Romanzyklus?
Je länger ich an "Die Archive des Schweigens" und an "Orkus" gearbeitet habe, desto klarer wurde mir, dass ich als Autor, der über eine so lange Zeit geschrieben hat, meinen eigenen Hintergrund offen legen sollte. Indem ich mich als Verfasser mit meiner Biografie ins Werk einbringe, mache ich mein eigenes Interesse an der Thematik besser nachvollziehbar. Im nächsten Buch gehe ich dann noch einen Schritt weiter: Ich werde aus mir selbst eine literarische Figur machen und als Autor verschwinden.
Neben Ihren Büchern existiert als zweites, gewissermaßen offeneres Werk Ihr privates Archiv, das am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz wissenschaftlich aufbereitet wird. Was halten Sie davon, diese Materialien in digitalisierter Form zu veröffentlichen, zum Beispiel auf einer Web-Seite?
Ich habe ein Liebesverhältnis zu meinem Material, zu den Notizen, zu den Fotografien. Das Material, das sich im Nabl-Institut befindet, umfasst alles, was ich nicht mehr zur Arbeit brauche. Ich habe aber nicht nur mit Hilfe von Notizbüchern oder Fotografien geschrieben, sondern vieles auch aus dem Kopf: гDer Untersuchungsrichter" zum Beispiel, ebenso die ganze experimentelle Prosa, lange Passagen von гLandläufiger Tod" und jetzt гDas Alphabet der Zeit". Mit der Veröffentlichung von Material gehe ich sehr vorsichtig um, vor allem solange der гOrkus"-Zyklus noch nicht abgeschlossen ist.
Wie geht es Ihnen jetzt mit der steirischen Kulturpolitik? Beobachten Sie von hier aus die Vorgänge in Graz?
Ich habe zur Zeit zwei große Interessensgebiete: die Asylfrage und die von der Politik lange ignorierten Folgen der Emanzipation der Frauen, also die Einsamkeit von Kindern, das Fehlen von Ganztagsschulen usw. Das andere geht irgendwie an mir vorbei. Zum Beispiel verstehe ich die so genannte "Regionale" nicht, die jetzt anstelle der Landesausstellungen veranstaltet werden soll. In Graz finde ich die Realisierung des geplanten Brus-Museums vorrangig. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, dass man von dem Jahrhundertkünstler Werke erwerben und würdige Räumlichkeiten dafür zur Verfügung stellen muss. Seit Jahren wird dieses Projekt aber verschleppt.
Gibt es etwas Erfreuliches, das Sie seit Ihrer Jugend mit Ihrer Heimatstadt verbindet?
Ich bin sehr froh darüber, dass meine Mannschaft seit fast sechzig Jahren, Sturm Graz, in der Bundesliga verblieben ist und einen so schönen Fußball spielt. Gleichzeitig ärgert es mich aber, dass der GAK so tief hinunterstürzt, während Kärnten mit der Paschinger Lizenz plötzlich erstklassig ist.

Herwig G. Höller in FALTER 33/2007



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