Ein Paar

Prinz, Martin


Räuber und Schmuggler

Martin Prinz läuft lange Strecken und schreibt kurze Romane. Nun erscheint nach längerer Pause "Ein Paar" - ein Comeback in Hochform.

Als Kind wollte Martin Prinz Sportreporter werden. Später dann gewann er an der Seite von Christian Hoffmann einen Nachwuchs-Europameistertitel in der Langlaufstaffel und trat bei denselben Laufveranstaltungen an wie Johann Rettenberger alias "Pumpgun-Ronnie", den er zum Helden seines Debütromans "Der Räuber" (2002) machte. Prinz versteht offenkundig etwas von Sport. Im Gespräch ereifert er sich über das Niveau, auf dem hierzulande das Dopingproblem diskutiert wird und bekundet Mitleid mit dem Skirennfahrer Hans Knauss, der über die Verunreinigung der von ihm eingenommenen Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich nicht Bescheid wissen habe können. Und: "Leistungssport kommt ohne solche Mittel eben nicht aus. Die Tour-de-France-Fahrer müssten sonst so viel essen, die hätten einen Mordsbauch." Weil "kein glücklicher Mensch in den Hochleistungssport geht", wie Ex-Langlauftrainer Walter Mayer einmal zeitlos formulierte, ist der 1973 geborene Niederösterreicher Prinz froh, seine aktive Laufbahn früh beendet zu haben. Jahrelang hat er überhaupt keinen Sport betrieben und erst mal drauflosstudiert. Theaterwissenschaft und Germanistik. Die Diplomarbeit über Schillers Dramenfragment "Die Polizei" blieb indes selbst Fragment. Ein paar einschlägige Publikationen gibt es dennoch. "Deshalb schreibt mich der Böhlau Verlag mit, Dr. Martin Prinz' an", schmunzelt der Autor. "Die glauben, jeder, der bei ihnen veröffentlicht hat, ist ein Doktor." Auch der Schiller-Text wurde später publiziert - eingedampft auf einen halbseitigen Zeitungsartikel.

2002 erschien Prinz' Debüt "Der Räuber" und erhielt allerorts großes Lob. Ein Jahr darauf folgte der mit dem Krimigenre spielende Roman "Puppenstille" und wurde nicht nur gelobt. Dass seit vier Jahren kein neues Buch mehr auf den Markt gekommen ist, liegt aber nicht an einer Schreibkrise, sondern am Perfektionismus des Autors. 2005 zog er ein Manuskript im letzten Moment zurück, weil es eben doch noch nicht hundertprozentig passte. "Im Prinzip war das die Geschichte, die auch jetzt in, Ein Paar' auftaucht, aber nur mehr am Rande."

Sie erzählt von einem außerehelichen Flirt der Journalistin Susanne mit dem Künstler Sebastian, und zwar in ähnlicher Form wie Daniel Glattauers Roman "Gut gegen Nordwind" - anhand des E-Mail-Verkehrs der Protagonisten. In der völlig neu geschriebenen Fassung ist sie nur mehr ein kleiner, aber dramaturgisch wichtiger Subtext.

"Ein Paar" handelt von einer anscheinend funktionierenden, einigermaßen glücklichen Ehe. Der Roman beginnt mit der morgendlichen Routine des Paars. Georg braucht länger und ist schon aus dem Bad, während Susanne in letzter Minute aus dem Bett springt, nachdem sie ihm bei seinen hygienischen Verrichtungen zugehört hat. Wobei der Autor in solchen kitschgefährdeten Szenen alle Klischees bravourös umschifft und im weiteren Verlauf durch unerwartete Wendungen beachtlichen Tiefgang gewinnt.

Als Autor ist der Ausdauersportler Prinz ein Kurzstreckenspezialist. Die ursprüngliche Fassung war 400 Seiten dick, das demnächst erscheinende Buch bringt es auf schlanke 152. Alles, was nicht unbedingt rein gehört, muss raus. Und auktoriale Fingerzeige gehen sowieso gar nicht. Prinz will nicht belehren oder als Künstler dastehen, sondern verführen: "Man kann total aufgeblasene Texte schreiben, die laut schreien:, Ich bin Literatur.' Aber das ist, als ob man ein Schild, Lawinengefahr' aufstellen würde. Mich interessiert, den Text so zu öffnen, dass die Leute gern reingehen - um sie dann in Gefahr zu bringen."

Gefahr kommt in "Ein Paar" spätestens dann ins Spiel, sobald das Bergwerksunglück von Lassing auftaucht. Die Geschichten des Bergmanns Georg Hainzl und von Susanne, die über Lassing ihre erste große Story schreibt, verknüpft Prinz durch ungewohnte Bilder und Metaphern. Susanne sagt ihrem Sebastian einmal, sie spürte ihre Sehnsucht "wie einen Stein". Hainzl wird mit einer Interviewaussage zitiert, er habe sich nicht durch Klopfsignale zu erkennen gegeben, weil er "Angst vor der Hoffnung" gehabt habe.

Man ist geneigt, dieses Buch über Sehnsüchte so zügig zu lesen, wie der Autor läuft, "weil ich keinen Gesundheitssport machen will, sondern intensive Erlebnisse suche". "Ein Paar" lädt zu einer solchen Lektüre ein, lässt dann aber auch entscheidende Fragen offen. Prinz versteht sein Schreiben als "Literatur durch die Hintertür": "Ich schreibe ja auch ab und zu Reisereportagen. Wenn ein Text von mir in einem Hochglanzmagazin erscheint, ist das für mich literarische Schmuggelware."

In nächster Zeit wird den Schmuggler neben dem schwer erfolgsverdächtigen "Ein Paar" auch sein "Räuber" weiter auf Trab halten. Zusammen mit Regisseur Benjamin Heisenberg ("Schläfer") hat er eine Drehbuchfassung geschrieben. Die Finanzierung des Films steht, Markus Binder von Attwenger soll die Hauptrolle übernehmen. Mit der Finanzierung seines Lebens durch Autorenhonorare sieht es bei Prinz indes - noch - nicht so gut aus: "Die letzten Jahre waren ein Krampf, aber irgendwann wird's schon durchsickern, dass das Bücher sind, die man wirklich lesen kann." Nachsatz: "Ich wäre gern der Erste, der nicht zu einem deutschen Verlag wechselt und es trotzdem schafft."

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×