Dilettanten unterwegs. Journalismus in der weiten Welt

Sibylle Hamann


Fotogene Opfer

Hunderttausende fliehen 1994 aus Ruanda, im Fernsehen die üblichen Tränendrückerbilder. Bitte genau hinschauen! Die vermeintlichen Opfer sind die Täter. Es sind Hutus, darunter viele Mörder, die sich aus Angst vor der Rache der Tutsi davonmachen. 1999: Unruhe in einer Hotellobby in PrisÇtina im Kosovo. Ausländische Journalisten fragen sich, was heute auf dem Programm steht. Endlich die erlösende Auskunft: "Die Massengräber!", und alle stürmen hinaus. 2001: Afghanistan, kurz nach dem Sturz der Taliban. Die österreichische Reporterin interviewt gefangene Gotteskrieger - und kann sich die Provokation nicht verkneifen, das Kopftuch herunterrutschen zu lassen und sich eine Zigarette anzustecken. Bilder lügen. Alle berichten das Gleiche. Journalisten sind auch nur Menschen.

Drei Episoden aus "Dilettanten unterwegs". Fast zehn Jahre war Sibyille Hamann fürs Profil als Auslandskorrespondentin unterwegs, sechs ihrer Reportagen sind im zweiten Teil wieder abgedruckt. Im ersten Teil, vier Vorträgen, die sie im Rahmen ihrer Theodor-Herzl-Dozentur im Mai 2006 in Wien hielt, formuliert Hamann so etwas wie die Erkenntnistheorie des Auslandsjournalismus. Was lässt sich unter stark eingeschränkten Bedingungen überhaupt berichten?

Improvisieren ist gefragt, endlos die Liste der Fallstricke: Hamann zeigt, wie aus Belanglosigkeiten "Geschichten" werden und dass der schlimmste Feind das Klischee im eigenen Kopf ist. Der Beobachter verändert das Beobachtete: Steine werden nur deshalb geworfen, weil ein Kamerateam westlicher Medien vor Ort ist.

Und gleich ob Tsunami oder Hungersnot: je schlimmer, desto besser für den Journalisten, den omnipräsenten Krisengewinnler. Wer kriegt das telegenste Opfer vor die Linse? Hamanns Blick hinter die Kulissen ihrer Zunft ist ernüchternd, aber nicht zynisch. Sie verweist auf nicht zu lösende Widersprüche - die Reporter und wir Medienkonsumenten werden mit ihnen leben müssen. Die Informationen werden immer unzureichend sein, der Umgang mit Betroffenheit und Leid ist per se höchst problematisch, aber nicht berichten ist keine Alternative.

Oliver Hochadel in FALTER 32/2007



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