Don Juan de La Mancha oder Die Erziehung der...

Robert Menasse


"Ich würgte die Schlange"

In "Don Juan de la Mancha" macht sich Robert Menasse auf die Suche nach der Lust.

Priapisch kess ragt eine rote Chilischote aus dem Glas - der neue Roman von Robert Menasse sieht aus, als würde er in jenes Regal gehören, das in pfiffigen Buchhandlungen Literatur für "Freche Frauen" bereithält. Hat man sich aber erst einmal durch die kalkulierte Derbheit der Eingangspassage gelesen, auf die der Umschlag kokett anspielt, merkt man schnell, dass das Zielpublikum eher müde Männer und bedauernswerte Buben sind.

Das ist zunächst einmal sympathisch, denn trotz des Reigens an Frauen, mit dem es Nathan, der Held, zwischen den Laken zu tun hat - die penetrationsabholde Alice, die geile Barbara, die nach Mottenkugeln (Scheidenpilz!) muffelnde Beate und die nach Achselschweiß stinkende Betty, die fürs Gemüse zuständige Christa, die altmodische Helga, die obszöne Margit, die seriöse Martina, die ejakulierende Niki, die schluckende Steffi und die schamhafte Traude -, ist "Don Juan de la Mancha" kein sexualprotzerischer Machoroman, aber auch kein penetrantes Frauenversteherbuch. Die Einsicht, dass man im Umgang mit dem anderen Geschlecht unvermeidbar auch Langeweile und Schmerz erfährt, ist kein zynisches Bonmot, sondern schierer Realismus. Zeitgeschichtlich präzise wird am Beispiel der Spät- und Post-68er die Frage abgehandelt, warum es so schwer ist, Lust zu erleben, die sich selbst genügt, und nicht erst die Befreiung des Proletariats, der Frau oder der Menschheit zur Voraussetzung beziehungsweise zum Ziel hat. Hier zeichnet sich auch eine kleine ästhetische Absetzbewegung vom geschichtsphilosophischen Thesenroman ab, dem der Autor bislang stark verpflichtet war: "Ich will die Geschichte nicht neu bewerten. Ich will über die Geschichte nichts anderes sagen können, als: Es ist Geschichte."

Die Kombination von Wilhelm Reichs Anleitung zum richtigen Orgasmus mit Uriah Heeps "Easy Living" produzierte in den Siebzigerjahren nicht notwendig Leichtlebigkeit. Und wie schon in Menasses Opus magnum, "Die Vertreibung aus der Hölle" (2001), gibt es auch im jüngsten Roman einige luzide Szenen, in denen die terroristischen Schattenseiten einer antiautoritären Bewegung sichtbar werden, die nicht viel weniger selbstherrlich ist als das Objekt ihrer Attacke.

Leider konzentriert sich der Roman nicht auf diese Periode, sondern liefert - in der narrativen Klammer von Gesprächen mit einer Therapeutin ("dick und herrisch" und der "Inbegriff einer jüdischen Mamme") - unter anderem auch einen Abstecher ins brennende Paris des Jahres 2005, bei dem Nathan weder seiner ehemaligen Geliebten noch dem französischen Spitzenkoch begegnet, den er im Auftrag seiner Zeitung treffen soll, sondern nur einer albernen Nebenfigur. Auch die erzählökonomische Notwendigkeit, beide Elternteile innert fünf Seiten husch, husch ins Grab zu befördern, ist mehr als undurchschaubar, sintemal ein offenbar durchgeknallter Arzt den letalen Sturz vom Pferd mit der schauerlich saloppen Diagnose kommentiert: "Sie war tot, schneller als Sie knacks sagen können (sic!)."

Sprachlich läuft der Roman ohnehin immer wieder aus dem Ruder. "Ist die Lustlosigkeit zu wenig Grund, um an Sex desinteressiert zu werden", wie es da heißt? Nein, sie wäre - auf Deutsch - bloß kein hinreichender Grund, das Interesse am Sex zu verlieren. Ungelenke Formulierungen ("Da kam ich wieder einmal in Konflikt mit den Weltenläuften (sic!)") stehen neben Pleonasmen ("physischer Muskel"); banal-abgeschmackte Vergleiche ("Die Zeiten waren Dali-Uhren. Sie schmolzen weg") neben völligem Unfug: "Man kann den ersten Blick morgens einschalten wie eine Kaffeemaschine, und alles, was in die Wahrnehmung tröpfelt, geht durch diesen Filter." Und so sehr sich der Roman um die Vermeidung von Klischees bemüht, treibt der Kitsch doch gerade auf dem Feld des Eros die seltsamsten Blüten: "Ihre kleinen festen Brüste, wie die Bäuche von Vögeln, die aus dem Nest gefallen waren. Ihre langen Wimpern, wie schwarze Schmetterlinge. Ein trauriges Paradies. Und ich würgte die Schlange."

Dass der Erzähler sich dann über die stilistischen Defizite von "Altmännerliteratur" ereifert, ist schon eine rechte Chuzpe. Wer Autoren wie Philip Roth und John Updike ans Gemächt geht, sollte sich der eigenen literarischen Potenz schon sehr sicher sein. Hiezu ist freilich kein hinreichender Grund vorhanden.

Klaus Nüchtern in FALTER 32/2007



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