Peripherie in der Stadt. Das Wiener Nordbahnviertel - Einblicke, Erkundungen,...

Evelyn Klein, Gustav Glaser


Mitten am Rand

Die meisten in Wien kennen diesen Flecken Stadt vermutlich vom Hörensagen, Touristen verirren sich so gut wie nie in dieses vor mehr als hundert Jahren gegründete Areal. Dabei ist es ein Leichtes, die Bekanntschaft mit Menschen zu machen, die im Nordbahnviertel leben: Ein Spaziergang entlang einer Mauer genügt. Im Rahmen einer Kunstaktion wurden vor einiger Zeit stark vergrößerte Fotos Hunderter Gegensprechanlagen aus der Gegend an der Außenwand des Jugendcafés am Volkertmarkt angebracht – ein Streifzug durch die Geschichte des Grätzels, eine erste Annäherung an eine unbeachtete Region. Angewandte Namens- und Mentalitätskunde: Mitat, Zivanovic, Milanovic, Lukajic, Malaibisevic oder Jalowiecke ist auf den abgebildeten Klingelknöpfen zu lesen. Viele Bewohner verschanzen sich auch hier hinter urbaner Anonymität ("Top 1", "Top 14", "Top 43"), einige Torwächteranlagen auf den Bildern sind verkohlt. Wer unter dieser Wohnadresse anzutreffen ist, bleibt ebenso ungewiss.
Ein Ausrufezeichen haben obendrein jene hinterlassen, die ihre Namen mit schwarzem Eddingstift auf der Installation gut lesbar markierten: "Daki, Pepi, Philipp, Iran, Olivia, Tamara". Auch sie sind Bewohner des Nordbahnviertels. Lange Jahre dämmerte die Region weltabgewandt, verschlafen vor sich hin. Jetzt könnte eine neue Zeit anbrechen, eine Zeit radikaler Veränderungen. Der Volkertmarkt ist so etwas wie das Herzstück der Gegend. Wohnraum ist hier noch günstig, der Augarten ist nahe, der Prater auch. Die U2 bringt ab nächstem Jahr die Innenstadt noch näher, als sie eh schon ist, und auf dem Nordbahngelände entsteht gerade ein neuer Stadtteil. Und schon sind die ersten Dachböden schick ausgebaut, kaufen sich junge Familien "was Eigenes", steigen die Mieten – wird das Nordbahnviertel Wiens neues Szenequartier? Bisher wurden die Lebenszeichen aus dem Alleendreieck von Tabor-, Heine- und Nordbahnstraße vornehmlich im Grätzel selbst vernommen. Trotz der Nähe zum Zentrum spielt sich das Leben rund um den Volkertmarkt seit je gleichsam auf einem fernen Stern ab, und das seit Jahrzehnten. Das Nordbahnviertel, Trabant des Himmelskörpers Wien.
Evelyn Klein, 58, wohnte vor zwanzig Jahren in einem Haus in einer der dichtverbauten Straßen aus der Gründerzeit, die vom aufstrebenden Bürgertum nach Aufklärern oder Forschern benannt wurden. "Eine untergegangene Welt", erinnert sie sich. "Ein Hort der Kleinbürgerlichkeit. Die Bewohner wirkten missgünstig und misstrauisch, auf der Straße und in den Häusern traf man ständig auf unfreundliche Leute. Das graue Wien in Reinkultur. Heute gibt es hier zwar immer noch keine Attraktionen. Es ist auch kein malerisches, pittoreskes Grätzel geworden, aber man hat das Gefühl, das Viertel lebt. Die bleierne Einförmigkeit ist vitaler Buntheit gewichen."
Klein gibt damit kleine atmosphärische Beobachtungen, durch einen Spaziergang durch das Gebiet aufgefrischte Reminiszenzen wieder. Sie hat hier während der vergangenen Monate geforscht, Erkundungen eingeholt, rund siebzig Interviews mit Anrainern geführt. Mit Menschen, denen das Quartier ihr Universum ist, die gleichsam eine Fernreise antreten, stattet sie etwa der Umgebung, den angrenzenden Bezirken neun, eins und drei, einen Besuch ab. Die Erkenntnisse über das vorgebliche Zentrum des Stillstands, in dem Architekturkuriositäten in Form zweier Kirchen Landmarken darstellen, hat die Politologin gemeinsam mit dem im April verstorbenen Soziologen Gustav Glaser im Studienverlag publiziert. "Peripherie in der Stadt", so der planvoll paradoxe Titel der Analyse, will Widersprüche aufzeigen und auf wirkungsmächtige Gegensätze hinweisen. Die mit zahlreichen Fotos angereicherte Arbeit ist keine Metropolenteilforschung in konventioneller Manier, sondern zielorientierte Grätzeluntersuchung. Die Mikroskopierung eines Molekülteils der Stadt. Das Viertel um den Volkertmarkt war durch den ab 1952 abgetragenen Nordwestbahnhof und den 1965 gesprengten Nordbahnhof einst Tor zur Großstadt. "Um fünf Uhr morgens öffnen sich die Pforten dieser Häuser, die nur Elend bergen", beschrieb dagegen der Journalist und Miterfinder der deutschsprachigen Sozialreportage, Max Winter, 1904 die Armut der Bahnhofsarbeiter: "Mit schläfrig schwerem Tritt kommen als die ersten die Kohlenarbeiter heraus. Schwerfällige gedrungene Menschen, mit braunen, wetterharten Gesichtern." Später siedelte sich hier das sozialdemokratische Nachkriegsmilieu ebenso an wie ab den späten Sechzigerjahren ausländische Migrantenfamilien.
Der Distrikt wird in "Peripherie in der Stadt" nun mithilfe von Anrainerinterviews sowie historischer und soziologischer Instrumentarien neu vermessen. Die Randlage erweist sich dabei als zentrales urbanes Versuchslabor, die Vergangenheit wie die Zukunft betreffend.

Es bildet sich die große Geschichte in der Grätzelgeschichte ab, ein Außenbezirk als Weltuntergangsversuchsanstalt. Der 1913 hierorts erbaute Pazmanitentempel, eine der größeren Synagogen Wiens, wurde im November 1938 zerstört. Die antisemitische Großausstellung "Der ewige Jude", 1938 im Nordwestbahnhof gezeigt, zog Hunderttausende an. Im November 2005 wurde die "Straße der Erinnerung" eröffnet: 1585 Namen jüdischer Frauen und Männer (sowie das jeweilige Geburtsdatum, der Ort der Deportation und, soweit bekannt, das Todesdatum), die aus dem Volkertviertel verschleppt und ermordet wurden, sind auf ebenso vielen Pflastersteinen verzeichnet. Aus den Deportiertenlisten wurden vorwiegend Opfer ausgewählt, die keine überlebenden Angehörigen hatten. Über 3500 Menschen jüdischen Glaubens wurden allein im Volkertgrätzel von den Nationalsozialisten ermordet. Weite Teile des Nordbahnviertels müssten mit den Stolpersteinen der Erinnerung gepflastert sein.
Evelyn Klein hat zudem die Geschichte einzelner Häuser im Viertel untersucht. Eine paradigmatische Geschichte von Gewalt und Verdrängung kann etwa das Grundstück Ecke Praterstern 1 und Heinestraße 41–43 erzählen. Heute prangt an dieser Stelle ein Betonklotz, die Reklamebuchstaben ("Visa", "SPÖ") an der Fassade wirken wie der vergebliche Versuch, der Eintönigkeit zumindest Spuren von Buntheit abzutrotzen. Das ursprünglich an diesem Platz errichtete Gebäude stand seit 1902 im Besitz einer gewissen Regine Hauser, geborene Rosenbaum, verwitwet, Mutter von sieben Kindern, Jüdin. Nach Schikanen durch die NS-Bürokraten sowie Hausdurchsuchungen durch die SA wurde Hauser im Mai 1941 genötigt, ihr Haus zu verkaufen – an einen "Vollarier". (Der Kaufpreis wurde von einer NS-Behörde festgesetzt, auf das Geld erhielt Regine Hauser keinerlei Zugriff.) Vier Monate darauf verstarb sie, ihr schwerbehinderter Sohn Paul kam im Mai 1942 in einem für Juden eingerichteten Krankenhaus im neunten Bezirk zu Tode. Nach 1945 forderten die überlebenden Kinder und Enkel den einstigen Familienbesitz zurück – gegen die Zahlung der damals astronomisch hohen Summe von 157.000 Schilling wurde das Haus Heinestraße 41 an die Erben rückgestellt. Es glich einer Ruine, 1950 wurden die Reste schließlich abgerissen.
Heute stehen, nicht nur rund um den Volkertmarkt, viele Geschäfte leer. Reges Hinterhofleben und fortschreitende Verödung passieren parallel. Wie ein Echo auf eine ferne Zeit wirken die geschlossenen Rollos eines vor rund zwei Jahren aufgelassenen Elektrogeschäfts. "Osram – hell wie der lichte Tag", ist an der Außenmauer zu lesen. Eine Kleinstregion innerhalb der Stadt verharrt in Warteposition.
"Das Nordbahnviertel befindet sich gleichsam auf dem Sprung", analysiert Evelyn Klein die gegenwärtige Situation. "Man wird sehen, ob das bunte Vielerlei, das quirlige Nebeneinander von heute auch in einiger Zeit noch zu beobachten sein wird. Die Dachausbauten häufen sich, und die Wohnungsmieten steigen. Es ist nicht sicher, dass sich die Zuwanderer und die Leute mit weniger Geld das Wohnen morgen noch leisten werden können. Hoffen wir es zumindest." Die Menschen leben ein friedliches Nebeneinander. Aber ein Nebeneinander. In "Peripherie in der Stadt" hat Klein einen Dialog von Jugendlichen aufgezeichnet: "Die alten Leute leben noch in der ..." – "Steinzeit!" – "Altsteinzeit!" – "Na, ich find das schon, dass sie noch in der alten Zeit leben."
Zumindest die Zukunft gehört dem Nordbahnviertel. Zentral auf dem Volkertmarkt ist eine Steinstele platziert, ebenfalls Bestandteil eines vor einigen Jahren initiierten Kunstprojekts. Darauf ist, mit absichtsvoll unlesbarer Krakelschrift, ein Namenszug eingraviert, Vor- und Nachname einer Nobelpreisträgerin, eines Nobelpreisträgers der Zukunft. "Wien, Juni 2055" ist als Datumsangabe auf der fingierten Gedenkstätte zu lesen. Die fiktive Berühmtheit, die 2045 mit dem weltweit bekanntesten Preis ausgezeichnet wurde, lebte demnach von 1995 bis 2015 im Viertel. Im Mittelpunkt am Rand der großen Stadt.

Wolfgang Paterno in FALTER 31/2007



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