Anna nicht vergessen

Arno Geiger


Rührt sich was?

Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten", konstatierte Sigmund Freud in "Das Unbehagen in der Kultur". "Glauben wir an das Glück?", fragen sich die Figuren in Arno Geigers Erzählungen und Kurzgeschichten. Sie suchen das Glück – und scheitern. Große Hoffnungen machen sich aber ohnehin nur die wenigsten. Wenn nicht gerade jemand vor Liebe entflammt ist – wobei nicht ganz sicher ist, ob für einen anderen Menschen oder für sich selbst – oder bei einer Versteigerung der ÖBB einen vergessenen Koffer ergattert – und damit ein Stück von einer anderen Biografie –, plätschern die Leben der Figuren in "Anna nicht vergessen" mehr vor sich hin.
"Also, das wär's so ziemlich", lautet der lapidare Titel einer Geschichte, deren Erzähler seine erfolglosen Bemühungen, eine Frau an sich zu binden, resümiert. Irgendwie geht es ja doch immer weiter. Betonung auf "irgendwie". Weil sie den Glauben an ein glückliches Leben verloren haben, führen Geigers Protagonisten unentschiedene Warteschleifenexistenzen. "Es rührt sich nichts", heißt eine andere Geschichte. Wenn einige der zwölf Texte, die in die drei Kategorien "Tage", "Jahre" und "Leben" aufgeteilt sind, am Ende versanden, dann tun sie es freilich nicht, weil dem Autor kein besserer Schluss eingefallen wäre, sondern weil sie von im Sand verlaufenen Leben handeln. "Er mochte diesen Moment", denkt sich einer, der bei einer Kellnerin auf der Couch übernachtet und im Dunkeln zuhört, wie diese sich auszieht, "obwohl er ihn genauso gut nicht hätte mögen können."
Zwei Jahre nach dem Roman "Es geht uns gut", mit dem Geiger den Durchbruch schaffte und den Deutschen Buchpreis gewann, legt der in Wien lebende Vorarlberger nun ein wenig bestsellerverdächtiges neues Buch vor. Stilistisch präsentiert er sich allerdings in guter Verfassung. Trotz der sehr sparsamen Erzählökonomie, die kaum ein Wort zu viel erlaubt, blitzt immer wieder so etwas wie Poesie auf. Da rührt sich immer wieder was, zwischen den Zeilen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2007



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