Am Strand

Ian McEwan, Bernhard Robben


Um Schamhaaresbreite

Paare sind eine banale und zugleich rätselhafte Existenzform: Die Welt ist voll von ihnen, aber wer weiß wirklich Bescheid über die Gesetze, nach denen sie funktionieren – oder eben auch nicht? Der britische Romancier Ian McEwan hat sich immer schon für die abgründigen Aspekte der Zweisamkeit interessiert, für das Zusammenspiel an Anziehungs- und Fliehkräften, das diese Doppelwesen bestehen oder auseinanderbrechen lässt. In seinem spätestens durch Paul Schraders gleichnamige Verfilmung (1991) berühmt gewordenen Roman "Der Trost von Fremden" ("The Comfort of Strangers", 1981) wird das Aufeinandertreffen zweier Paare in Venedig zur tödlichen Konfrontation: Die gewalttätigen Fantasien, die Colin und Mary als erotischen Kick benutzen, werden blutige Wirklichkeit, sobald das ältere Paar (im Film dargestellt von Helen Mirren und Christopher Walken) die aggressiven Impulse ihrer sadomasochistischen Beziehung nach außen lenkt. In dem Thriller "Unschuldige" ("The Innocent", 1989) wird ein junger britischer Soldat im Nachkriegsberlin durch die Begegnung mit einer Deutschen in die dunklen Seiten des Eros eingeweiht und schließlich zum Komplizen beim Gattenmord; und in "Liebeswahn", dem Roman, der im Original den wunderbar doppeldeutigen Titel "Enduring Love" (1997) trägt, wird das Leben von Joe und Claire nachhaltig durch eine Katastrophe beeinflusst, mit der sie eigentlich gar nichts zu tun haben: Während eines romantischen Picknicks werden die beiden Zeugen eines Ballonunfalls, in dessen weiterer Folge der sich ebenfalls am Schauplatz befindliche Jed den Ich-Erzähler Joe mit seiner Zuneigung behelligt und dadurch das gemeinsame Glück des jungen Paars zu zerstören droht.
Vor zwei Jahren endlich, in "Saturday", gestand der Autor dem Paar einen raren Triumph zu: Krankheit, Wahnsinn, Mord und Totschlag sind zwar präsent wie eh und je, aber auf dramatische und nicht immer ganz plausible Weise wird die Bedrohung von außen – wieder durch einen geisteskranken Verbrecher – abgewehrt, ohne dass die innere Einheit von Ehe und Familie je gefährdet wäre. Dabei ist der Blick auch hier kein verklärender, sondern – entsprechend dem Beruf des Protagonisten, eines 48-jährigen Neurochirurgen – einer, der die menschlichen Beziehungen zwar mit Skepsis und naturwissenschaftlicher Genauigkeit, aber keineswegs mit klinischer Kälte ins Auge fasst: "Ein Leben würde nicht genügen, um eine zweite Frau zu finden, die er mit derartiger Hemmungslosigkeit und großem Geschick befriedigen könnte, mit der er lernen könnte, so frei zu sein. Ein charakterlicher Zufall will es, dass ihn Vertrautheit stärker als der Reiz des Neuen erregt. Bestimmt ist irgendwas in ihm betäubt, mangelhaft ausgebildet oder allzu furchtsam. (...) Perowne registriert dies mit wachsender Besorgnis und fürchtet, ihm fehle ein Element maskuliner Lebenskraft, ein kühner, gesunder Erfahrungshunger. Wo bleibt seine Neugier?"
McEwans soeben erschienener jüngster Roman "Am Strand" ("On Chesil Beach", 2007) liefert nun das gescheiterte Komplementär dieser glücklichen Ehe nach. Auf knappem Raum – die großzügig gedruckte Originalausgabe bringt es auf keine 170 Seiten – schildert das Buch einen Abend im Juli 1962, in dem die Hochzeitsnacht von Edward und Florence vorzeitig mit einer Ejaculatio praecox endet und die blutjunge Ehe der beiden Frühzwanziger auch schon wieder zum Kentern bringt. McEwan setzt die beiden einander verfehlenden Perspektiven gegeneinander, schlägt aus dieser Asymmetrie aber keine sarkastischen Funken, sondern blickt – wie stets – mit kühler Distanz, aber nicht ohne Empathie auf ein Paar, das in seiner Epoche ruht wie die Fliege im Bernstein.
Edward, der die Erfüllung des eigenen Begehrens keineswegs freiwillig bis auf diesen erwartungsüberfrachteten Tag verschoben hat, und Florence, die den Sex als "Preis" auffasst, "den sie zahlen musste", sind gleichsam Liberalisierungsverlierer; wobei die Lockerungen, die ihnen vielleicht hätten helfen können, erst der nächsten Generation zugute kommen. Über Edward und Florence schwebt ein unheilvolles "Noch nicht", und ihr Scheitern steht in scharfem Kontrast zur ihrer Selbstwahrnehmung, mit der sie sich – in den anbrechenden Sechzigerjahren – als Souverän der eigenen Geschichte dünken: "Das Hochzeitsessen am Mittag war überreichlich gewesen, sie hatten keinen Hunger. Theoretisch konnten sie die Teller einfach stehen lassen, sich die Weinflaschen schnappen, zum Strand laufen, die Schuhe abstreifen und ihre Freiheit genießen. Niemand im Hotel hätte sie aufgehalten. Sie waren schließlich erwachsen, im Urlaub, sie konnten jeder Lust und Laune frönen. Und in nur wenigen Jahren wäre es genau das, was ganz gewöhnliche Leute tun würden, doch Edward und Florence waren Gefangene ihrer Zeit. Selbst unter vier Augen galten tausend unausgesprochene Regeln. Und gerade weil sie nun erwachsen waren, taten sie nichts so Kindisches wie von einem Mahl aufzustehen, das man mit viel Mühe eigens für sie angerichtet hatte. Schließlich war Abendessenszeit. Und sich kindisch zu benehmen war noch nicht erstrebenswert oder gar Mode."
Ian McEwan ist kein Autor, der sich dümmer stellt, als er ist. Statt eines streng personalen Erzählens auf Augenhöhe seiner Figuren wählt er eine Perspektive des darüber hinaus gehenden Wissens. Der damit einhergehenden Gefahr einer Überkommentierung entgeht auch "Am Strand" nicht immer. Mehr als wettgemacht wird dies freilich durch die Souveränität, mit der das Gleichmaß des bloß Chronologischen durch Tempo- und Perspektivenwechsel, durch Panoramaschwenks und plötzliche Zooms auf mikroskopische Nähe oder durch Rückblenden aufgebrochen wird; durch die sparsam, aber sehr bedacht und klug gesetzten Details und durch den zeitraffenden Ausblick auf ein halbes Leben, mit dem die novellistische Verknappung am Ende transzendiert wird und der dem kurzen Roman sein beachtliches, aber nie zum Kitsch verkommendes Pathos verleiht.

Während der kurzen, aber breit dargestellten Zeitspanne, in der das frischvermählte Paar – man kann das ruhig so ungelenk formulieren – in sexuelle Handlungen verstrickt ist, gibt es einen kurzen Moment, der das Potenzial der erotischen Zündung in sich trägt: "Es musste ein Zufall sein, denn wie konnte er wissen, dass, während seine Hand ihr Bein befingerte, die Daumenspitze gegen jenes einsame Haar stieß, das unter dem Gummiband ihres Höschens hervorlugte, es vor- und zurückwippen ließ, seine Wurzel erregte und entlang des Haarbalgnervs die bloße Ahnung eines Gefühls weckte, ein fast abstrakter Anfang, so unendlich klein wie ein geometrischer Punkt, der zu einem winzigen Fleck anschwoll, dessen Ränder immer weiter zerflossen. (...) Wie konnte eine einzelne Haarwurzel den ganzen Körper beherrschen? (...) Zum ersten Mal verknüpfte sich ihre Liebe zu Edward mit einem eindeutig körperlichen Gefühl, so unabweisbar wie Höhenangst."
Die Höhenangst führt aber nicht zum Höhepunkt, jedenfalls nicht bei Florence. Statt steigender Erregung folgen Ekel, Enttäuschung, (Selbst-) Verachtung und Selbstgerechtigkeit, folgt der triste diskursive Grabenkampf alltäglicher Paarexistenz. Die beiden werden sich buchstäblich um Schamhaaresbreite verfehlen. Und am Ende wird die bittere – aber dankenswerterweise nicht zur politischen Pointe ausgewalzte – Einsicht stehen, dass Liberalisierungsgewinne nicht notwendig glücklich machen. Pech also für Flo und Ed, ein Glück aber für die Leser.

Klaus Nüchtern in FALTER 31/2007



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