1968. autographische notizen

Otmar Bauer


Die Otto-Muehl-Schau im MAK spekuliert mit dem Skandal, verschweigt den ausbeuterischen Produktionszusammenhang der Muehl'schen Kunst und konfrontiert den Besucher mit abenteuerlich schlechten Bildern.

Das aufschlussreichste Bild des Künstlers und Lebensreformers Otto Muehl hängt nicht in der Ausstellung des Wiener Museums für angewandte Kunst (MAK), wo zum ersten Mal der ganze Muehl gezeigt werden soll. Das Bild existiert nur mehr in den Köpfen jener, die sich in jungen Jahren dazu entschlossen haben, gemeinsam mit Muehl am burgenländischen Friedrichshof ein anderes Leben außerhalb der Konventionen der repressiven Nachkriegsgesellschaft zu gestalten, und trägt den Titel "schwarzer franz". Beschrieben wird es als schwarzer Fleck auf weißem Papier. Stilistisch würde man es vielleicht dem Tachismus der Fünfzigerjahre, jener europäischen Variante des abstrakten Expressionismus zuordnen, die den Farbklecks zum Bildgegenstand erhob. Genau genommen handelt es sich beim "schwarzen franz" um eine Grafik; die von Muehl angefertigte Vorlage wurde häufig fotokopiert. In einer Ausstellung würde man dem Werk keine große Bedeutung beimessen. Für viele Exkommunarden, die Muehl in der autoritären Phase des Experiments als allmächtigen Sektenführer erlebt haben, stand der "schwarze franz" für Strafe und Erniedrigung.

Wer einen "schwarzen franz" in seinem Wäschefach fand, hatte bei den Palaver genannten Gruppenbesprechungen damit zu rechnen, fertig gemacht zu werden - wegen einer Herdplatte, die nicht ausgemacht wurde oder wegen Krankenstandes in einer der zahlreichen Firmen des weit verzweigten Wirtschaftsimperiums der Kommune. Am schlimmsten war der "Fleck" (in der Mundart bezeichnet er eine schlechte Schulnote) aber für den kleinen Franz. "zu mittag nach der schule hielt otto als seine erste morgenarbeit nach dem aufstehen kinderpalaver. zu seinem wütenden ärger schlief franz dabei regelmäßig ein, und otto hatte die sadistische idee, die fehlleistungen als schwarzer franz' zu bezeichnen", erinnert sich der Kunstaktionist und Kommunarde Otmar Bauer in seiner soeben erschienenen Autobiografie "1968".

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Matthias Dusini in FALTER 11/2004



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