Burgruinenblues

Volker Röhnert


Mit Lyrik ist heutzutage sicher kein Staat, wohl aber wieder Politik zu machen - engagierte Verse haben Konjunktur, was Jan Volker Röhnert, dessen Gedichte eine kritische Topografie seiner Heimat Thüringen entwerfen, zu unerwarteter Popularität verhalf: Im vorigen Jahr erhielt er den Lyrikdebütpreis des Literarischen Colloquiums.

"Jetzt wächst Gras über die
Gleise", wo damals das
Exekutionskommando "Belgier, Russen,
Franzosen ".

Ohne Umschweife kommt der Jenaer zur Sache, führt mit seiner Poesie zu vergessenen Stätten der NS-Verbrechen, um dort über den toten Großvater nachzudenken und den "Burgruinenblues" anzustimmen. In seinem aufklärerischen Gestus spiegelt sich der in der jungen deutschen Szene dominierende Hang zur Agitation. Röhnert will viel. Und er will es sofort. Dafür riskiert er sogar, mit Versen wie dem oben zitierten in Allerweltsplattitüden abzugleiten.

Im Gegensatz zu seinem 14 Jahre jüngeren Kollegen muss Norbert Hummelt in seinem Band "Stille Quellen" nicht in offenen Wunden rühren, um das Spannungsfeld zwischen der Last des Vergangenen und der Lust auf eine davon unberührte Gegenwart auszuleuchten. Hummelt pflegt anachronistische Tugenden, greift auf klassisches Versmaß und tradierte Formen zurück. Die gesellschaftspolitische Subtilität verbirgt sich hinter Alltagsmomenten, die gerade in ihrer Banalität erhaben wirken. Hummelt, der unter anderem mit dem Mondseer Lyrikpreis ausgezeichnet wurde, gewinnt in seinen Gedichten Tiefenschärfe durch Langsamkeit. Das Aha-Erlebnis setzt sich stückweise wie ein Puzzle zusammen.

",weißt du denn auch', so fragte mein vater
während wir langsam am bahndamm
gingen, die ginsterbüsche zu blühen
anfingen, ,weißt du, wie der erste
dichter hieß? - der hieß nämlich nebel,
ich war noch
im wachsen, ich wog hundert pfund:
,dichter nebel lagerte über dem abgrund'".

Martin Droschke in FALTER 11/2004



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