Sog

Matthias Wittekindt


Dem Berliner Dramatiker und Romancier Matthias Wittekindt ist im Schauspielhaus eine viertägige "Lesereise" gewidmet.

Der 44-jährige Künstleragent Stephan Seiters sitzt im Bordbistro des ICE Ricarda Huch von Berlin nach Köln und trinkt Bier. Zur selben Zeit passiert unter anderem Folgendes: An der Spitze des Zuges sitzt Lokführer Jens Holgersson und reduziert das Tempo des ICE nicht, obwohl das wegen des böigen Windes eigentlich Vorschrift wäre; in einem Potsdamer Tanzstudio leitet Therese Kotowski, Seiters' Freundin, einen Seniorengymnastikkurs; in Wagen eins sitzt die verzweifelte Sabine Ruthkowski, die morgen einen Psychiatertermin in Rotterdam hat; in ihrer Kölner Wohnung erinnert sich die 77-jährige Elsa Steinert an ihren vor sechzig Jahren gefallenen Geliebten; im Bordbistro putzt der Mann hinter der Bar die Biergläser, und so weiter.

Man sieht schon: "Sog" ist ein ehrgeiziger Roman. In knappen Sätzen, schnellen Schnitten und ausgetüftelten Parallelmontagen entwirft Matthias Wittekindt eine Art Panorama des Zufalls, in dem ganz alltägliche Vorgänge spannend und unheimlich wie in einem Thriller erscheinen. Die an Filme wie "Lola rennt" gemahnende Erzähltechnik setzt Bedeutsames neben Peripheres, Perspektiven und Brennweite wechseln von einem Satz zum anderen. Der Film im Kopf des Lesers ist mit hektischer Handkamera gedreht - und zoomt sich plötzlich und ganz nah an ein Detail oder eine Figur heran.

Wer seinen ersten Roman "Sog" nennt, muss ein gesundes Selbstbewusstsein haben. Der 45-jährige Wittekindt ist aber auch kein Anfänger. Der gelernte Architekt hat immerhin bereits 16 Theaterstücke und Hörspiele geschrieben; einige davon hat er in Berlin mit seiner eigenen Gruppe (Brüssel-Projekt) auf die Bühne gebracht. Dennoch ist er in Theaterkreisen ein ewiger Geheimtipp geblieben.

(...)

"Sog" ist eine Art experimenteller Unterhaltungsroman; Avantgarde light, die beträchtliche Spannung entwickelt und eigensinnigen Witz verbreitet. Zitat: "Die Zeiger auf der Bahnhofsuhr machen gerade etwas sehr Lustiges. Sie zeigen beide senkrecht nach oben."

Wolfgang Kralicek in FALTER 11/2004



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