Beruf: Nazijäger. Die Suche mit dem langen Atem: Die Jagd nach den Tätern des...

Efraim Zuroff


Seine letzte Jagd

Falter: Das österreichische Justizministerium hat nun 50.000 Euro Kopfgeld auf Alois Brunner und Aribert Heim ausgesetzt. Heute wären sie 95 und 93. Sind die beiden noch am Leben?
Efraim Zuroff: Es gibt ernsthafte Zweifel, ob Alois Brunner noch lebt. Wir wissen nur, dass er zuletzt 2001 im Hotel Meridian in Damaskus gesehen wurde. Aber wir haben mehrere Indizien, dass Aribert Heim am Leben ist. Er hat ein Bankkonto in Berlin mit mehr als einer Million Euro. Das Geld kommt seinen Kindern zu, wenn er tot ist. Und das ist bis heute nicht passiert.
Die beiden sind Nummer eins und zwei auf Ihrer Liste. Wie schätzen Sie die Chance ein, sie noch zu fassen?
Wenn Brunner lebt, ist er in Syrien. Doch die syrische Regierung ist weder gewillt, ihn auszuliefern, noch, ihm den Prozess zu machen. Die Chance, Heim zu fassen, ist sehr viel größer. Im Landeskriminalamt Baden-Württemberg gibt es eine Spezialeinheit, deren Ziel seine Ergreifung ist.
Es war jahrelang bekannt, dass Alois Brunner in Damaskus, im Haus 7 in der Rue Haddad lebte. Warum hat man nichts getan?
Es gab keine Möglichkeit, die syrische Regierung zur Zusammenarbeit zu bewegen. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, ihn zu entführen, was sehr, sehr schwierig geworden wäre.
Adolf Eichmann, den Organisator der Endlösung, hat man 1960 doch auch erwischt.
Eichmann konnte man deshalb erfolgreich entführen, weil er in Argentinien lebte. Für ein Team israelischer Agenten sind die Umstände, unter denen sie in einem arabischen Land arbeiten, zehnmal härter als in einem Land wie Argentinien.
Ist Kopfgeld bei der Jagd nach NS-Verbrechern eine große Hilfe?
Es erhöht die Chance, jemanden zu fassen. Das beste Beispiel ist Josef Schwammberger. Er wurde 1987 in Argentinien gefasst. Die Person, die den Tipp gegeben hat, hat dies nicht aus altruistischen Gründen getan, sondern wegen des Geldes.
Wenn ein NS-Verbrecher Ihnen einen anderen anbieten würde, würden Sie dann mit ihm zusammenarbeiten?
Das ist eine interessante Frage. Wir waren bisher noch nie in diesem Dilemma. Man sollte darüber nachdenken. Ich würde es jedenfalls nicht automatisch ausschließen.
In welchem Land würde man Brunner den Prozess machen? Haftbefehle gegen ihn gibt es in Deutschland, Österreich, Griechenland, Frankreich, Slowakei und Polen.
Das müssten sich die Regierungen untereinander ausmachen. Aber es wäre ein Traum, wenn es überhaupt so weit kommen würde.
Nach mehreren Briefbombenanschlägen hatte Brunner zuletzt nur noch ein Auge und verstümmelte Hände. 2007 würde er in der Öffentlichkeit nicht das Bild des Bösen repräsentieren, sondern das eines alten, bedauernswerten Mannes. Könnte das nicht den falschen Effekt haben?
Das ist ein Problem, mit dem wir in jedem einzelnen Fall konfrontiert sind. Noch dazu erscheinen solche Personen vor Gericht immer so bedauernswert und krank wie möglich. Ich nenne das misplaced sympathy syndrom. Die Leute, denen die Sympathie der Öffentlichkeit zusteht, sind nicht solche wie Brunner. Egal, wie alt, gebrechlich oder krank er ist. Sie steht den Menschen zu, die Brunner ermordet hat.
62 Jahre nach dem Ende des "Dritten Reichs" setzt die österreichische Regierung erstmals Kopfgeld auf NS-Verbrecher aus. Warum so spät?
Das müssen Sie die österreichische Regierung fragen. Ich habe eineinhalb Jahre lang versucht, sie dazu zu bewegen, die gleiche Summe auszusetzen wie Deutschland. Anfang 2006 traf ich die damalige Justizministerin Karin Gastinger und die Innenministerin Liese Prokop. Ich habe mit ihnen über das Thema geredet. Österreich brauchte eineinhalb Jahre, um zu reagieren. Ich finde das ehrlich gesagt empörend. Dennoch war die Entscheidung richtig. Auch wenn ich gerne eine viel höhere Summe gehabt hätte.
Auf Ihrer "Most Wanted"-Liste stehen auch zwei Personen, die in Klagenfurt beziehungsweise Wien leben. Milivoj Asner, der im Zweiten Weltkrieg als Polizeichef der Ustascha an der Deportation von Serben und Juden beteiligt war. Und Erna Wallisch, die im polnischen KZ Majdanek als Wache gearbeitet hat.
Ja, und beide sind sehr schwierige Fälle. Als Kroatien im September 2005 Asners Auslieferung beantragt hat, war die Antwort Österreichs, dass er österreichischer Staatsbürger sei und deshalb nicht ausgeliefert werden könne. Doch die Staatsbürgerschaft hätte er als gesuchter Kriegsverbrecher nicht bekommen dürfen. Ich habe Österreich deshalb damals als Paradies für NS-Kriegsverbrecher bezeichnet. Am nächsten Tag erklärte eine offizielle Person der Kärntner Landesregierung, dass Asner kein österreichischer Staatsbürger sei. Unter diesen Umständen hätte man sich erwarten müssen, dass er bereits am nächsten Tag in einem Flugzeug sitzt. Aber das ist nicht passiert. Denn plötzlich sagte ein österreichisches Gericht, dass Asner dafür nicht gesund genug sei. Daran haben wir nach wie vor ernsthaften Zweifel.
Wie verhält es sich bei Erna Wallisch?
Sie hat zugegeben, dass sie Menschen ins Gas geführt hat. Wir haben auch Zeugenaussagen, dass sie an der Selektion der Opfer beteiligt war. Trotzdem weigert sich Österreich, ihr den Prozess zu machen, weil passive Mittäterschaft vor dem Gesetz nicht geahndet wird. Ich würde sagen, dass eine Frau, deren Job es war, Menschen ins Gas zu führen und sich so am Mord von Zehntausenden Menschen zu beteiligen, ihren Lebensabend nicht in Sicherheit in Wien verbringen sollte. So wird es keine Gerechtigkeit geben.
Haben Sie bei den beiden noch Hoffnung?
Jemand, der meinen Job macht, wäre ein Narr, wenn er Optimist wäre. Gleichzeitig kann man diesen Job nicht machen, ohne zumindest etwas Optimismus zu haben.
Der Tiroler Landeshauptmann Herwig van Staa leugnete im März die Mitgliedschaft des ehemaligen Innsbrucker Bürgermeisters Ferdinand Obenfeldner bei der Gestapo. Daraufhin haben Sie mehrmals seinen Rücktritt gefordert. Waren Sie denn überrascht, dass nichts geschehen würde?
(Lacht lange und laut.) Ich war überhaupt nicht überrascht. Das ist Österreich. Ich habe sehr niedrige Erwartungen an dieses Land. Das heißt aber nicht, dass wir irgendetwas unversucht lassen, um Österreich zu jenen Schritten zu bewegen, die unserer Ansicht nach notwendig sind.
Warum die Nachlässigkeit der österreichischen Politik?
Die offizielle Version war dreißig, vierzig Jahre lang, dass Österreich Hitlers erstes Opfer war. Und wofür solltest du geradestehen, wenn du ein Opfer bist? Dann warst du hilflos, dann hast du nichts getan. Es gibt aber sehr viel, für das Österreich geradestehen müsste. Mit der Arbeit der Volksgerichte 1955 endete auch die ernsthafte Anstrengung, NS-Kriegsverbrechern ihre gerechte Strafe zukommen zu lassen. An dieser Aufgabe ist Österreich komplett gescheitert. Es war aber auch die schwierigste. Gleichzeitig hätte dieses Thema das meiste Potenzial für eine Veränderung der Gesellschaft gehabt. Das ist Österreichs Tragödie. Noch hätte das Land eine letzte Chance, indem es sich ernsthaft anstrengt. Ansonsten wird der Prozess der Versöhnung viel länger dauern.
Warum hat man in Deutschland anders gehandelt?
Deutschland hatte nach 1945 keine andere Option, während Österreich in seinem Schatten stand. Die größte Errungenschaft Österreichs war, der Welt klarzumachen, dass Hitler Deutscher und Beethoven Österreicher war.
Bald werden nicht nur die letzten NS-Verbrecher, sondern auch die letzten Zeugen gestorben sein.
Viele Juden wie auch andere haben fantastische Arbeit bei der Dokumentation des Holocausts geleistet. Simon Wiesenthal hat sein Leben der Erinnerung an den Holocaust gewidmet. Er war ein Teil der Politik und des Lebens in Österreich. Natürlich ist es ein Problem, dass er und andere nicht mehr weitermachen können. Aber ihre Geschichten existieren in Filmen, in Büchern, in jeder denkbaren Form. Es ist eben die Zeit gekommen, in der die Guten wie die Bösen die Bühne verlassen.
Ist es nicht ein Problem, dass in Österreich kaum jemand Efraim Zuroff kennt?
Es stimmt, dass ich die Öffentlichkeit besser erreichen könnte, wenn ich gut Deutsch sprechen würde. Aber ich bin kein Österreicher und habe keine Absicht, einer zu werden. Der Holocaust war ja auch nicht Deutschland und Österreich gegen die Juden. Es war Europa gegen die Juden. Ich sehe meine Aufgabe darin, mich diesem europäischen Aspekt zu widmen. Und ich muss in Österreich keinen Popularitätswettbewerb gewinnen. Ich gewinne den Unpopularitätswettbewerb in der ganzen Welt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich damit aufhöre.
Wie sieht der Alltag eines "Chief Nazi Hunters" im Jahr 2007 aus?
Meine Arbeit besteht aus historischer Forschung, Detektivarbeit und politischem Lobbying. Leider hat es viel zu oft mit Letzterem zu tun. Der Mangel an politischem Willen ist dabei das größte Problem.
Hier ist Österreich kein Sonderfall?
Nein, und in jedem Land gibt es dafür andere Gründe. In den USA gibt es einen großen politischen Willen, NS-Verbrecher aus dem Land rauszubekommen. Das ist die einzige Möglichkeit, etwas zu tun, weil man sie dort nicht wegen Genozids oder Verbrechen an der Menschlichkeit vor Gericht bringen kann. Washington zeigt dabei enormen Willen. Derzeit laufen Verfahren gegen 221 NS-Verbrecher, die in den USA leben. Gleich nebenan, in Kanada, gibt es nur geringen Willen. Dorthin sind viele Täter aus Osteuropa geflohen. Große Minderheiten, wie zum Beispiel die Ukrainer, sind dagegen, dass NS-Verbrecher vor Gericht gestellt werden. Außerdem hat die jüdische Gemeinschaft in Ottawa weniger Einfluss als in Washington. Deshalb ist bis heute keiner der acht NS-Verbrecher mit kanadischer Staatsbürgerschaft aus dem Land geworfen worden.
Arbeiten Sie mit dem Mossad, dem israelischen Auslandsgeheimdienst, zusammen?
(Lacht.) Vielleicht in meinen Träumen.
Würden Sie das in einem Interview zugeben, wenn es so wäre?
Das ist höchst unwahrscheinlich. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es absolut keine Verbindung zwischen uns gibt. Leider.
Was werden Sie tun, wenn der letzte NS-Verbrecher gestorben ist?
Es gibt einen natürlichen Übergang von der Aufgabe, diese Personen ausfindig zu machen und vor Gericht zu bringen, und dem Kampf gegen Antisemitismus und was ich die Verzerrung des Holocausts nenne. Es geht dabei weniger um das Leugnen des Holocaust. Das geschieht. Aber es ist nicht das große Problem, für das die Menschen es halten. In vielen postkommunistischen Staaten Osteuropas dreht sich die Geschichte des Holocausts darum, wie Deutsche und Österreicher ins Land kamen und die Juden ermordeten. Tatsächlich hat ein großer Teil der lokalen Bevölkerung beim Massenmord mitgemacht. Doch bis Anfang der Neunzigerjahre konnte man in diesen Ländern nicht frei und unabhängig seine eigene Rolle in der Shoah betrachten. In West-, Süd- und Nordeuropa hat die Kollaboration beim Bahnhof aufgehört. In Norwegen, Holland und Griechenland hat man die Juden zusammengetrieben. Ermordet hat man sie in Osteuropa.
Wie lange wird Ihre Mission noch dauern?
Noch zwei, drei Jahre. Ich überlege, danach eine Stiftung zu gründen, die sich der Aufarbeitung des Holocausts in den postkommunistischen Staaten Osteuropas widmet.
Würde man Alois Brunner fassen und Sie stünden vor ihm, was würden Sie ihm sagen?
Ich hätte ihm nichts zu sagen. Dass er erwischt wurde, wäre die stärkste Aussage, die ich jemals machen könnte. Hätte ich auch nur einen kleinen Anteil an seiner Ergreifung, wäre mir mein Platz im Garten Eden sicher.

Stefan Apfl in FALTER 30/2007



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