Befremdliche Völker, seltsame Sitten

Evelyn Waugh, Matthias Fienbork


Diplomatische Delegationen, ein Pulk von Journalisten und Kamerateams, überfüllte Hotels: In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba findet im März 1931 die Kaiserkrönung Haile Selassies statt. Mit dabei ist auch der englische Schriftsteller Evelyn Waugh, dessen Reportage nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Als kritischer Beobachter der beobachtenden Journalisten nimmt Waugh deren unter Zeitdruck entstehende Halbwahrheiten aufs Korn.
Der als dandyesker Zyniker verschrieene Romanautor ("Glücklichere Menschen beobachten Vögel, ich beobachte Menschen") belässt es aber nicht bei einer Medienschelte, sondern führt vor, wie Reiseberichte funktionieren könnten, wenn sie Tatsachen wichtiger nähmen als exotisierende Fiktionen. Im Vergleich zu dem von einem Reporter erfundenen Schimmel der Kaiserkutsche etwa wäre der tatsächliche ungarische Kutscher in grotesker Zirkuslivree ein aufschlussreiches Detail, um die von Waugh scharfsichtig erkannte Mischung aus "Moderne und Barbarei" zu veranschaulichen.
In der Beschreibung der Rituale der Reisenden richtet Waugh den ethnografischen Blick auf die fremdartige Kauzigkeit der Europäer. Auf einer zweiten Reise 1936 war sein Blick weniger analytisch. Da feierte er den Vernichtungskrieg der italienischen Faschisten in Abessinien als zivilisatorischen Fortschritt.

Matthias Dusini in FALTER 30/2007



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