Der Lyrik-TÜV. Ein Jahrhundert deutscher Dichtung wird geprüft


Lyrik-Prüfstelle

Der Lyriker Steffen Jacobs hat Sinn für Humor. Sein "Lyrik-TÜV" verbindet Poesie und Witz, eine organische Verbindung, mit der man trotz Ernst Jandl, Peter Rühmkorf oder Robert Gernhardt in unseren Breitengraden nicht rechnet. Ganz anders als in England, wo es tatsächlich eine gelebte Kultur der Dichtung gibt. Bei uns sieht man die Aufgabe der Lyrik eher im Weihedienst als im Dienst lustig-listiger Entweihung.
Jacobs' Idee ist einfach und bestechend. Er wählt für jedes Jahrzehnt der letzten hundert Jahre einen ihm repräsentativ erscheinenden Dichter aus und prüft dessen Lyrik auf Funktionstüchtigkeit. Dass es dabei zu Ungerechtigkeiten kommt, versteht sich von selbst. Die Begründungen für die Auswahl muten denn auch nicht immer stichhaltig an. Ernst Jandl beispielsweise muss draußen bleiben, weil sein erster Gedichtband erst 1966 erschienen und "dummerweise eines seiner schwächeren Bücher" sei. Das stimmt nicht, und auch das Datum ist falsch: Jandls Erstling erschien 1956 und war zwar noch "schwächer", aber immerhin, er erschien. Jandl musste Enzensberger weichen. Hugo von Hofmannsthal wird ausgegrenzt, während Stefan George um sein Pickerl kämpfen darf. Immerhin widerfährt dem problematischen Weinheber Gerechtigkeit. Dass der poetische Kraftprotz Thomas Kling nicht einmal erwähnt wird, während sein eher akademischer Rivale Durs Grünbein auf Herz und Hexameter geprüft wird, geht wohl aufs Konto einer Vorliebe des Autors. Gerecht ist es nicht. Jacobs mimt den Mechaniker in der Lyrikprüfstelle. Fachmännisch spürt er Montage- und Konstruktionsfehler von Gedichten auf. Manchmal strapaziert er seine Rolle unter der Hebebühne der Poesie zu sehr, aber er schreibt witzig und informativ.
Man lernt etwas über Rilkes "gereimte Masturbationsfantasien" und lacht über die Charakterisierung Gottfried Benns als "eiserner Hobbit". Weder Psychoanalyse noch Wissenschaft kommen bei einem Dichter zu kurz (es sind leider nur Dichter, keine Dichterinnen). Trotzdem ist der Lyrik-TÜV ein Buch, das kein Lyrikfreund verpassen sollte. Mehr: es ist eines, das Lyrikmuffeln auf unterhaltsame Weise witzig klar macht, was sie verpassen.

Armin Thurnher in FALTER 30/2007



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