Harry Potter and the Deathly Hallows

Joanne K.Rowling


Was tun, wenn der neue "Harry Potter" erscheint, der Literaturredakteur auf Urlaub ist und der Rest der Redaktion nicht zu den Potter-Experten zählt? Ganz einfach: Man fragt einen, der sich auskennt. Falter-Verlagsmitarbeiter Stefan Kluger, ein 28-jähriger Jusstudent, hat alle bisherigen Bände auf Englisch gelesen. Den siebenten und letzten Band, "Harry Potter and the Deathly Hallows", hat er auf unsere Bitte hin an einem Wochenende verschlungen. Wenige Stunden nach der Lektüre baten wir ihn zum Gespräch.

Falter: Wann hast du den neuen Harry Potter gekauft?
Stefan Kluger: Am Samstag um 10.09 Uhr, bei Thalia auf der Mariahilfer Straße.
War viel los?
Nein, überhaupt nicht. Ganz normal. Die Leute haben auch nicht nur Harry Potter gekauft.
Wie lang hast du gelesen?
Das ganze Wochenende. Fertig war ich heute, Montag, um drei in der Früh.
Wenn wir dich nicht gebeten hätten, das Buch bis heute zu lesen, wie lang hättest du dir dann Zeit genommen?
Ich hätte es auch in einem Flow durchgelesen, aber halt gemütlich, so in zwei Wochen.
War es kein Problem, das Buch im Original zu lesen? Kannst du so gut Englisch?
Nicht besonders gut, aber das ist kein Problem. Ab und zu schlage ich ein Wort nach, aber das meiste versteht man aus dem Zusammenhang.
Wie bist du überhaupt zum Potter-Leser geworden?
Ich war mit meiner Freundin auf Urlaub, und die hatte den ersten Band mit. Zuerst hab ich ganz arrogant gesagt: "Ein Kinderbuch? Na ja, schauen wir mal." Aber so nach zwanzig, dreißig Seiten hab ich gemerkt: Das ist was Besonderes, guter britischer Humor, auch spannend.
Bist du generell ein Fantasyfan?
Ich war schon immer ein Tolkien-Fan, aber das war's auch schon. Hauptsächlich lese ich klassische Sachen, Fitzgerald zum Beispiel, oder amerikanische Krimis – Raymond Chandler, Cornell Woolrich und so.
Zur Sache: Wie ist dein erster Eindruck? Ein würdiger Abschluss?
Würde ich schon sagen. Es waren viele Fragen offen, und die werden jetzt fast alle beantwortet. Man merkt jetzt auch, wie gut konstruiert das Ganze ist. Rowling hat nicht ein Buch nach dem anderen geschrieben, sie hatte einen Plan. Man erkennt jetzt, dass es immer wieder Hinweise gab, die man aber nicht verstanden hat. Sie arbeitet auch viel mit Täuschung.
Kannst du ein Beispiel nennen für etwas, was rätselhaft erschien und im letzten Band aufgeklärt wird?
Vor allem natürlich die Verbindung zwischen dem bösen Zauberer Voldemort und dem Harry Potter. Im zweiten Band zum Beispiel spricht Harry Potter auf einmal mit einer Schlange – das ist etwas, was eigentlich nur dunkle Zauberer können. Und im Nachhinein kommt heraus, dass ein Teil von diesem dunklen Zauberer auf ihn übertragen wurde.
War es bei den früheren Bänden spannender, weil man nicht alles erklären konnte?
Kann man nicht so sagen. Der große Unterschied besteht darin, dass Harry und seine Freunde in diesem Band nicht mehr in die Schule gehen. Die Schule wurde ja praktisch von Voldemorts Leuten übernommen, deshalb können sie dort nicht mehr sein. Das ist ja ziemlich rassistisch, was dort abläuft: Die sogenannten "Mudbloods", die Schlammblüter, werden geächtet. Schlammblüter sind Zauberer, die sich mit normalen Menschen vermischen. Das ist eine Rassenideologie, die an die NS-Zeit erinnert.
Und was tut sich bei Harry Potter in der Liebe?
Na ja, im fünften Teil gibt's den ersten Kuss mit dieser Chinesin, der Cho Chang. Im sechsten Teil verliebt er sich dann in Ginny, die kleine Schwester seines besten Freunds Ron. Im siebenten Teil tut sich da nicht viel.
Ist der letzte Band der brutalste?
Schwer zu sagen. Es wird jedenfalls nicht mit Folter gespart. Es gibt eigene Zaubersprüche, mit denen die Leute gequält werden.
Also nichts für Kinder?
Nein. Aber ich fand schon den zweiten Band nicht wirklich kindgerecht.
Was kann man Potter-Fans sagen, ohne zu viel zu verraten?
Man ist sofort drinnen, es gibt kein Vorgeplänkel wie in den anderen Bänden, es geht gleich total zur Sache. Man merkt: Es ist Krieg, es ist einfach total gefährlich, man muss sich jeden Schritt überlegen. Aber er hat schon auch seine Längen, muss ich sagen.
Hast du versucht, das Buch aus dem Internet runterzuladen?
Ja, aber ich bin draufgekommen, dass es die falsche Version war.
Was ist deiner Meinung nach das Geheimnis des Erfolges?
Einerseits ist es diese Internatsituation, in der man Abenteuer erlebt. Ich hab als Kind auch gern "Fünf Freunde" oder so gelesen – wobei es bei Harry Potter natürlich spannender und gefährlicher zugeht. Und es ist eine total durchdachte Welt, wo wirklich Dinge passieren, die man noch nirgendwo gelesen hat. Ein Teil des Geheimnisses ist für mich auch, dass das alles eigentlich in unserer Welt spielt – nach jedem Schuljahr fahren sie ja mit dem Hogwarts Express nach London und kommen in Kings Cross an – nur dass der Bahnsteig für uns halt nicht sichtbar ist.

Wolfgang Kralicek in FALTER 30/2007



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