1967. Israels zweite Geburt

Tom Segev


"Ein Krieg aus dem Bauch"

Der Historiker Tom Segev über Israels Sechstagekrieg, die Folgen für die Palästinenser und die Arbeit an einer Biografie von Simon Wiesenthal.

Der Publizist und Historiker Tom Segev, 1945 in Jerusalem geboren, ist ein Autor von Weltformat. Der Sohn deutscher Juden, denen 1935 die Flucht aus dem Dritten Reich gelang, hat bislang acht meist voluminöse - und teilweise auch übersetzte - Bücher über Israel, seine Kriege, Geschichte und Gesellschaft geschrieben.

Auf "1949 - The First Israelis" (1984) folgte mit "Soldiers of Evil" (1988) ein Buch über Kommandanten der Konzentrationslager, seinen Ruhm und den Titel des "Neuen Historikers" begründete "Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung" (1995), eine harsche Auseinandersetzung mit den Gründervätern Israels, denen es mehr um ihren neuen Staat als um die Rettung der europäischen Juden gegangen sei. Es folgten der zügig geschriebene Essay "Elvis in Jerusalem" (2003), ein Loblied auf die Amerikanisierung des zionistischen Staates in den 1960ern, sowie das Monumentalpanorama "Es war einmal ein Palästina" (2005) - Juden und Araber in einem Land zwischen Balfour-Deklaration und Gründung des Staates Israel. Sein jüngstes Buch, "1967 - Israels zweite Geburt" - vom Economist bis zur Neuen Zürcher Zeitung als Meisterwerk gefeiert -, ist nicht nur eine höchst lebendige, anhand bislang unbekannter Archivmaterialien erstellte Rekonstruktion des Sechstagekrieges - der Vielfrontenkrieg mit Auswirkungen bis heute erlaubt einen Einblick in die vielfachen Verwerfungen der israelischen Gesellschaft.

Falter: Herr Segev, Sie arbeiten gerade an einer Wiesenthal-Biografie: Wie sehen Sie die sogenannte Kreisky-Wiesenthal-Affäre, in der Kreisky den Nazijäger als Nazikollaborateur denunzierte? Heute distanzieren sich in dieser Sache alle von Kreisky.

Tom Segev: Nicht alle. Wenn man die Freunde von Kreisky sieht, glaubt man, Kreisky sei noch unter uns hier in Wien.

Haben Sie Bundespräsident Fischer getroffen, der damals ein Kreisky-Mitarbeiter war?

Er wollte sich von mir nicht interviewen lassen und gab mir nur Schriftliches: Das war interessanter, als wenn ich ihn getroffen hätte.

Was interessiert Sie an Simon Wiesenthal?

Dass er fast allein die Welt gezwungen hat, den Holocaust nicht zu vergessen - nicht weil er furchtbar viele Naziverbrecher gefunden hätte. Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, über die man eigentlich nur das weiß, was er selbst erzählte.

Was wissen Sie über ihn?

Es wird Überraschungen geben - auch bezüglich der Kreisky-Affäre. Wenn Sie durch sein riesiges Archiv mit den 300.000 Briefen, die er geschrieben hat, gehen, finden Sie da einerseits die Akte aus dem Jahr 1945: die Beschreibung eines Holcaustüberlebenden, auf dreißig Kilogramm abgemagert, der nicht weiß, wie er weiterleben soll. Einige Meter weiter findet man aus den 1980er-Jahren folgenden Zettel: "Simon darling - take care of yourself! Liz" - er ist von Elizabeth Taylor. Fünf amerikanische Präsidenten haben mit ihm korrespondiert, jeder Staatsmann wollte seine Gesellschaft. Ich habe mich gefragt, was geht in der Welt vor, dass sie so eine Figur braucht? Das Buch handelt vom Holocaust und dem Westen.

Sie arbeiten als Historiker in Israel. Kennen Sie sich bei den vielen Konflikten der letzten fünfzig Jahre noch aus?

Gerade in einem Land, das so oft Krieg führt wie Israel, wo noch dazu ständig behauptet wird, jeder Krieg sei unvermeidlich, stellt sich die Frage: "Wo hat uns die Regierung etwas Falsches erzählt? Wann erzählen uns die Lehrer in der Schule Falsches?" Gerade hier ist es leicht, Historiker zu werden - überdies haben wir eine liberale Archivpolitik.

Sie haben ein Buch über den Sechstagekrieg geschrieben. Was wäre gewesen, wenn der Krieg nicht stattgefunden hätte?

Bei einer Sitzung der politischen und militärischen Führung im Januar 1967, bei der das Eindringen palästinensischer Terroristen aus Jordanien diskutiert wurde, kamen alle Beteiligten zu dem Schluss: Eine Besetzung der Westbank widerspreche den israelischen Interessen. Das würde nur den palästinensischen Nationalismus fördern, die jüdische Mehrheit in Gefahr bringen und zu organisiertem Terror der Palästinenser führen. Alle wussten das. Dann kommt der 5. Juni 1967 und Israel greift Jordanien an - Israel regiert dabei aus dem Bauch heraus, emotional, religiös. 2000 Jahre Sehnsucht nach Zion spielen plötzlich eine wichtigere Rolle als die wirklichen Interessen.

Die böseste Stelle in Ihrem Buch hat die Klagemauer zum Gegenstand. Sie zitieren den Philosophen Jeschajahu Leibowitz, der das religiös überhöhte Siegesgeschrei als "religiöse Diskothek" anprangerte.

Leibowitz war einer der Ersten, der darauf hinwies, wie schädlich es für Israel in Zukunft sein würde, die besetzten Gebiete zu halten. Seit damals geht es in dieser Diskussion nicht nur um Realpolitik, sondern um die grundlegende und moralische Entscheidung, wie ein demokratischer jüdischer Staat aussehen soll. Wenn wir die palästinensische Bevölkerung vierzig Jahre lang unterdrücken, sind wir kein demokratischer Staat.

Wie kommt man zu dem Frieden, der in Oslo schon so nah schien?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich durch viel Geduld, Erziehung und einzelne Schritte, die das Leben erträglicher machen. Im Moment muss die Situation in Gaza verbessert, eine Verbindung zwischen Gaza und Westbank hergestellt werden, die Straßensperren müssen beseitigt werden. Auch der Boykott der Hamas muss erleichtert oder aufgehoben werden. Der palästinensische Terror muss aufhören. Die zweite Intifada stellt für viele Israelis eine traumatische Erfahrung dar: Nicht weil das Land Israel gefährdet wäre. Ich selbst, wenn ich im Café sitze, kann zum Opfer werden. Und das Leben in Gaza ist unerträglich, der dortige Bürgerkrieg ist eine Art Aufstand in einem Gefängnis.

Erich Klein in FALTER 29/2007



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