Österreichische Nation ? Kultur ? Exil und.... In memoriam Felix Kreissler

Helmut Kramer, Karin Liebhart, Friedrich Stadler


Ein subversiver Patriot

Wer das Österreich von heute verstehen will, ist gut beraten, wenn er jene befragt, die das Österreich von damals kannten, die in den Dreißigerjahren vertrieben wurden und nicht aufhörten, diesem Land mit sorgenvoller Zuneigung ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht selten waren dies Historiker oder Germanisten wie zum Beispiel Felix Kreissler (1917–2004) und Egon Schwarz (geb. 1922), die allerdings ihr Studium in den Exilländern absolvierten.
Ich kann mich nicht rühmen, Felix Kreissler gut gekannt zu haben, und doch sind mir die wenigen Begegnungen gut im Gedächtnis geblieben, und darunter auch einiges, was vielleicht über die persönliche Erinnerung hinaus von Belang sein kann. Als ich Felix Kreissler in den Siebzigerjahren kennen lernte, da wusste ich wenig oder nichts über seine Leistungen. Ich sah in ihm den Professor für Germanistik an der Universität Rouen, eben einen älteren Kollegen. Von seiner Jugend in Wien, seinem Engagement für die Sozialisten, das ihm den Besuch des Gymnasiums im Ständestaat unmöglich machte, von der Flucht nach Frankreich 1937, von seiner Verhaftung durch die Nazis und Deportation nach Buchenwald, wo er unter einem französischen Decknamen überlebte, davon wusste ich nichts. Auch hatte ich keine Ahnung von seinem Einsatz für ein besseres Verständnis der Geschichte und Kultur Österreichs an den französischen Universitäten. Ja, im Hochmut des Faches meinte ich, dass Germanistik und Austriazistik selbstverständlich allenthalben zentrale Fächer sein müssten, eben im Überschwang eines Österreichbewusstseins, das ja nach dem Wort Friedrich Hebbels sehr gerne davon ausgeht, dass in dieser kleinen Welt Österreichs die große ihre Probe hält und alles Österreichische von globaler Bedeutung sein müsste. So übermütig waren wir damals.
Die erste Begegnung mit Kreissler war kurz, 1972, während einer Vortragsreise, vor allem aber war es das Symposion "Deux fois l'Autriche" 1977 in Rouen, bei dem ich Kreissler dann etwas besser kennen lernen durfte. Kreissler war uns damals noch jungen Universitätslehrern – ich war frisch habilitiert – offenkundig von vornherein sehr zugetan, weil er sich – und das wurde mir erst später klar – in seinem geradezu unverwüstlichen Optimismus das andere und neue Österreich von unserer Generation erhoffte. Wir hingegen hatten uns damals aufgemacht, just die Positionen kritisch zu prüfen oder zu meiden, auf die sich Kreissler eingeschworen hatte; ihm ging es damals eben vor allem um die österreichische Identität. Erst später wurde uns bewusst, dass wir von zwei verschiedenen Enden auf dasselbe Ziel zugingen: Auf der einen Seite war es der Emigrant, das Opfer des Nationalsozialismus Kreissler, ein Mann, der sich nicht unterkriegen ließ, für den der doch sehr schwer fassbare Begriff der österreichischen Identität etwas Substanzielles bedeutete, für den er ein Halt war und für dessen Besonderheit er nicht nur in der akademischen Sphäre eintrat, wo man damals von Österreich nichts wusste oder nicht viel wissen wollte. Es war die Zeit, da die Unschuld des Landes Österreich die Unschuld vom Lande war: Noch vor dem Weinskandal, noch vor jener Reitergeschichte, die für weltweite Unruhe sorgte, noch vor jenen Äußerungen über die österreichische Nation als einer ideologischen Missgeburt.

Dass Felix Kreissler eben für ein anderes Österreich eintrat als jenes, das sich selbst so artig dekorierte und, um Grillparzer zu zitieren, als "wangenroter Jüngling" zwischen dem Manne Deutschland und dem Kinde Italien dalag, das war uns damals kaum bewusst. Auf der anderen Seite standen wir, die damals noch jüngeren Historiker und Germanisten; wir kritisierten diese Selbstinszenierungen und freuten uns an solchen ironischen Charakteristiken wie der Herzmanovsky-Orlandos, der mit satirischer Spitze behauptete, dass der echte Österreicher den Gamsbart inwendig trage. Kreissler wollte uns und in einem langen Gespräch auch mich davon überzeugen, dass es eben auf diese Identität ankäme; auch die scharfe Grenzziehung zur Bundesrepublik und zur deutschen Tradition schien ihm ungleich wichtiger als uns. Wir waren aus auf nüchterne Dokumentation, auf eine Korrektur jenes Bildes, das durch eine unreflektierte Übernahme des Begriffes vom Habsburgischen Mythos bedenkliche konservative Reaktionen bewirkt hatte, uns ging es um eine kritische Revision des Ständestaats; es war die Zeit, in der Jura Soyfer neu entdeckt wurde, und zwar nicht nur von denen, die sich für seine Gesinnungsgenossen hielten. Friedrich Heer arbeitete zeitgleich mit Kreissler an einem Buch über die österreichische Identität; die ursprünglich französisch abgefasste Habilitationsschrift Kreisslers, "La prise de conscience de la nation autrichienne 1938 – 1945 – 1978" (deutsch: "Der Österreicher und seine Nation. Ein Lernprozess mit Hindernissen", Böhlau 1984) wie auch das Buch Heers sind 1981 erschienen.
Ich weiß noch, dass Kreissler mich bei dieser Tagung allenthalben herumschickte, einen Interviewer ansetzte, dem ich die von ihm gewünschten Antworten zu geben hatte, das alles erfolgte mit einem etwas barschen, aber zugleich zutiefst freundlichen Unterton in der Stimme. Hier wollte einer haben, dass man ihm sein Österreich-Bild abnehme, und wir taten es später, und zwar mit dem Bedauern, nicht sofort begriffen zu haben, worum es ihm zu tun war. Denn das Bild Österreichs war ein ganz anderes als es die von Anton Wildgans beschworenen Idyllen vom ewgen Schnee, der sich im Alpensee spiegelt, oder jene Österreicher boten, die ohne Zweifel an sich selbst die österreichische Urtautologie zelebrieren: "Mir san mir", ein Satz, dessen Gültigkeit immer wieder auf bizarre Weise bestätigt wird. Nein, Kreissler rüttelte an den Grundfesten dieser austrophil konzipierten Luft- und Lustschlösser: Seine Schrift über Nestroy und Raimund und das Französische in ihren Werken zeigt das Interesse an zwei Autoren, die es nie so recht in den Kanon der Weltliteratur geschafft haben, deren Qualitäten aber jenen zugänglich sind, die auf die feinen Nuancen dieser subversiven Sprache – auch bei Raimund! – hinhören, die erkennen, wie gefährdet darin schon die Harmonie ist, nach der wir Österreicher, so will es die Volksmeinung im In- und Ausland, allenthalben streben.
Wer sich mit Nestroy befasst, darf des Sinnes für Humor und Komik nicht entraten, für eine Komik, die aus der Sprache erzeugt wird und die bewusst macht, wie viel in der Sprache steckt. Über die kaustische Kraft dieser Komik verfügte Kreissler, und er hat sie in seiner Publikation "Kultur als subversiver Widerstand" (1996) bestens bewiesen, da er eben, von den verstörenden Elementen im Wiener Volksstück ausgehend, die wichtigsten Vertreter und Vertreterinnen der österreichischen Literatur und auch Architektur bis in die unmittelbare Gegenwart würdigte, und zwar im Zeichen des Subversiven. Der Preis des Subversiven hat bei Kreissler sein Korrelat in einem höchst konstruktiven Ferment, das aus der Kritik die Funken neuer Qualitäten zu schlagen verstand. Ein Vergleich mit den großen Österreich-Essays eines Ernst Fischer wäre durchaus angebracht. Und vielleicht auch der Hinweis, dass Kreissler wie dieser eben auch Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs war.
Dieses Österreich-Bild wurde wichtig, da sich ab Mitte der Achtzigerjahre nicht nur Wölkchen am Horizonte der österreichischen Idylle zeigten, sondern die Gewitterwolken ordentlich zusammenbrauten. Da galt es, die Akzente auf dieses andere Österreich zu legen, das eben von dem Wiener Volkstheater und Nestroy und Raimund bis hinauf zu Qualtinger reicht, das einer Rosa Mayreder gedenkt und eine Schütte-Lihotzky würdigt, und damit dem Land Österreich auch etwas von jener überregionalen Ausstrahlung und in konsequenter Reflexion und praktischer Bewährung erarbeiteten Modernität zurückgibt.

Um die vielschichtige Persönlichkeit Felix Kreisslers zu würdigen, platziert der von Helmut Kramer, Karin Liebhart und Friedrich Stadler herausgegebene Band "Österreichische Nation – Kultur – Exil und Widerstand" dessen Persönlichkeit und Wirken in einem angemessenen Kontext. So liefert Anton Pelinka eine sehr differenzierte Diagnose des Österreich-Patriotismus bei Kreissler, während sich Gerhard Botz mit dessen monolithisch wirkendem Begriff der Nation auseinandersetzt.
Dass Kreisslers wache Aufmerksamkeit Österreich galt, geht aus den Schriften hervor, die er im Zusammenhang mit der Waldheim-Affäre und dem unaufhaltsam scheinenden Aufstieg Haiders verfasste. Denn dadurch wurden seine Bemühung um ein positives Österreich-Bild in Frankreich empfindlich gestört, besonders, als es vielen in Österreich und den Freunden im Ausland anlässlich der Regierungsbildung im Jahre 2000 die Rede verschlug – ein Faktum, das, wenn ich recht sehe, schon jetzt zusehends in Vergessenheit zu geraten scheint. Eine Anamnese dieser Vorgänge ist notwendig. Kreisslers Praxis als Forscher und Lehrer ist eine Bestätigung für die Notwendigkeit dieser Anamnese. Da arbeitete einer über Österreich, der nicht angstvoll fragte: "Was wird das Ausland dazu sagen?", sondern vielmehr versuchte, dem Ausland zu sagen, was ihm am Herzen lag. Literaturwissenschaft heute kann nur mehr in einem übernationalen Kontext betrieben werden, so wie es Kreissler, dem "österreichischen Patrioten und französischen Citoyen" (Gerald Stieg), darum ging, nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Identität die regionalen und nationalen Befangenheiten hinter sich zu lassen und das zu vermitteln, was dort, wovon man kommt, einem das Herz schwer machte oder es erfreute.

in FALTER 29/2007



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