Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften

Ludger Heidbrink, Harald Welzer


Genug gejammert! Geht es nach dem Philosophen Ludger Heidbrink und dem Soziologen Harald Welzer, so haben die Geisteswissenschaften in den letzten Jahren viel zu viel Energie damit verschwendet, sich in die eigene Krise hineinzureden. Erneuerung tue not – sei doch angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart die kritische Kompetenz der Geisteswissenschaften gefragter denn je.
Doch wie lässt sich ihre Lage angesichts einer Hochschulpolitik, die immer stärker auf ökonomische Verwertbarkeit setzt, verbessern? Heidbrink und Welzer haben 35 Wissenschaftler gebeten, einen kritischen Blick auf die eigene Disziplin zu werfen und eine Programmatik für eine Neuorientierung zu entwickeln. Wissenschaftler, die "mitten im Leben und im Beruf" stehen, wie der Klappentext betont. Wer das Ende der Bescheidenheit verkündet – und dazu gibt es, wie viele der kurzen mehr oder weniger pointierten Beiträge beweisen, allen Grund –, könnte auf solche defensiven Legitimationsstrategien getrost verzichten.
Denn die von Heidbrink und Welzer geforderten "neuen Kulturwissenschaften", die sich nicht länger in "philologischen Kleinkrämereien" und "abseitigen Editionsprojekten" vergraben, sondern brennenden gesellschaftspolitischen Fragen stellen – sie sind in vielen Disziplinen längst Realität. Nicht nur die Islamwissenschaften haben durch differenzierte Analysen aktueller Konflikte bewiesen, dass sie alles andere als verzichtbare "Orchideenfächer" sind. "Ende der Aufregung! It's work!", fordert Jürgen Straub, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz, daher zu Recht.
Dass das deutsche Wissenschaftsministerium das Jahr 2007 zum Jahr der Geisteswissenschaften erklärt hat, klingt hingegen eher nach Naturschutzmaßnahme. Es bleibt abzuwarten, ob die – in Österreich weitgehend unbeachteten – Initiativen, die Vielfalt der geisteswissenschaftlichen Fächer, Themen und Methoden öffentlichkeitswirksam zu vermitteln, den Rechtfertigungsdruck lindern. Denn der Nachweis der gesellschaftlichen Relevanz hat sparwütige Universitätsreformer auch schon in den letzten Jahren nicht davon abgehalten, den Rotstift anzusetzen.

Martina Nußbaumer in FALTER 29/2007



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