Wie ich es sehe

Peter Altenberg, Burkhard Spinnen


Wie hingehaucht

Verehrt von Karl Kraus, von Adolf Loos bewundert und durch Alban Berg vertont, ist es das Schicksal von Peter Altenberg, oft zitiert und kaum gelesen zu werden. Als Pappmachéfigur erfreut er die Touristen im Café Central – und wartet ansonsten auf bessere Zeiten. Die könnten nun gekommen sein, denn sein Debüt "Wie ich es sehe" ist in einer von Burkhard Spinnen sorgfältig betreuten Neuausgabe wieder zugänglich. Wichtigster Vorzug dieses Bandes, der seine Entstehung seinerzeit der Initiative von Karl Kraus verdankte: Er gibt dem Werk Altenbergs, das sich bei jeder unbedarften Annäherung in eine riesige Wolke kleiner und kleinster Prosastücke aufzulösen droht, ein Minimum an Form. Und in dieser Form wird Altenberg als der erkennbar, der er natürlich schon immer war: einer der ganz Großen der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Man vergesse alle Klischees, die seit dem Revival des Wiener Fin de Siècle den Blick auf Altenberg verstellt haben und lasse sich auf diese Prosabilder, auf diese Prosamusik ein. Szenerie und Personal sind bisweilen nur in Umrissen zu erkennen. Ein kurzer Dialog oder eine knappe Genreszene imaginieren eine Geschichte, deren Stoff einen ganzen Roman versorgen könnte. Altenberg jedoch hat keinen einzigen Roman geschrieben und stattdessen die erzählerischen Mittel der kleinen und kleinsten Form bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten ausgereizt. "Die gelblich-weisse fette aufgedunsene Langeweile kroch umher auf dem dunkelrothen weichen Teppich des Salons ... Dann kroch sie auf den Schoos des jungen schönen Haustöchterchens und küsste sie breit auf den Mund (...)." Altenberg ist ein Virtuose des Adjektivs und ein Großmeister des bewusst-kunstvoll verwackelten Bildes. Ein Jammer, dass keine Aufzeichnungen seiner Vortragskunst erhalten geblieben sind. Die unzähligen Gedankenstriche deuten den Rhythmus des Vortrags an, nutzen aber auch noch das Satzbild als literarisches Ausdrucksmittel: Der gedruckte Text sieht auf einigen Seiten so aus, als wäre er nur hingehaucht.
Eine Generation vor Joyce und Döblin erschloss Altenberg der Prosa bis dato ungeahnte Dimensionen. Und weil ihm dies so unglaublich leicht und selbstverständlich gelang, sind seine Texte völlig zeitlos geblieben.

Tobias Heyl in FALTER 28/2007



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