Eine kurze Naturgeschichte des letzten...

Josef H. Reichholf


Natur mag Dreck

Die Klimadebatte kühlt langsam ab, der Weltuntergang wird gerade wieder mal abgesagt. Gänzlich außerhalb dieses Pendelschlags medialer Aufgeregtheiten zwischen Apokalypse und Entwarnung bewegt sich "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends". Darin rekonstruiert der Münchner Zoologe Josef Reichholf die Temperaturentwicklung Mitteleuropas von der Völkerwanderung bis in die Gegenwart und verfolgt deren Einflüsse auf Flora und Fauna, vor allem aber auf die Zivilisationsgeschichte. Beispielsweise stieg das Bier erst zum Volksgetränk auf, als der Weinbau in der "kleinen Eiszeit" des 16. und 17. Jahrhunderts allmählich nach Süden verdrängt wurde. Reichholf zeigt, wie sich das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Natur auf Artenvielfalt und -dichte ausgewirkt hat, und kann etwa belegen, dass die Natur in ihrer eigenwilligen Dynamik mitunter profitiert, wenn sie Dreck zu fressen bekommt: Die sauberen Seen und Flüsse der Naturschutzgebiete sind bestandsärmer als mit Abwässern belastete. In der verschmutzten DDR blieben Wildtiere heimisch, die in der viel saubereren BRD fast ausgestorben waren.
Wer hinter solchen Argumenten gleich Verrat an der Ökologie wittert, glaubt noch, der Mensch wäre der Kapitän, der den Kurs des Mutterschiffs Erde bestimmt – eine Auffassung, der Reichholf heftig widerspricht. Für die Natur als solche aber ist der Klimawandel keine Bedrohung. Sie steht nie still und kennt nichts Festgefügtes: "Der Richter war (und bleibt) die Umwelt, und diese hat kein Ziel, sondern Zustände, die sich verändern."
Für den Menschen, der die Schwankungen der letzten tausend Jahre ebenfalls gemeistert hat, könnte die Zukunft hingegen unangenehm werden. Aber nicht unbedingt deshalb, weil ihm heiß wird. Die gefühlten Vorzeichen der Katastrophe, die Jahrhunderthochwasser der letzten Jahre, sind laut Reichholf nur die Folge einer fortschreitenden Regulierung der Flüsse. Und Brasilien droht auch nicht deswegen zu veröden, weil die Sonne künftig stärker brennt. Die Böden des einstigen Amazonas können keine Nährstoffe speichern. Sie waren nicht zufällig von einem Urwald bewuchert, dem aus der Sahara herangewehte Sandkörnchen als Nahrung genügten.

Martin Droschke in FALTER 27/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×