Pro Domo. Selbstauskünfte, Rückblicke und andere Prosa

Michael Hamburger, Iain Galbraith


Als Lyriker, Übersetzer und Essayist war Michael Hamburger in den letzten 15 Jahren eine der wichtigsten Stimmen deutschsprachiger Dichtung. In England fast vergessen, wurden die sieben, vorwiegend von Peter Waterhouse übersetzten Gedichtbände (zuletzt: "Baumgedichte", 2005) mit zahlreichen europäischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Abschluss und zugleich beste Einführung in das schmale Œuvre des 1924 in Berlin geborenen, 1933 aus Nazideutschland nach London emigrierten Hamburger ist der Band "Pro Domo", der verstreute Prosa, Essays und Interviews aus fünf Jahrzehnten enthält.
"Jedes Gedicht muss experimentell sein, oder es wird nicht sein" – die zentrale Erkenntnis seiner epochalen Studie zur modernen Lyrik "Wahrheit und Poesie" (1995) – wendet Hamburger im "Nachtrag zu den Memoiren" auf das Puzzle seiner deutsch-jüdisch-englischen Identität an; er streunt als alternder Dichter in seinem Apfelgarten und träumt von der Frucht des Paradieses, noch einmal begegnet er Texten und Dichtern von Hölderlin über Hofmannsthal bis Celan und Grass, die er ins Englische übersetzt hat. Apodiktisch erklärt er zur Lyrik: "Ich halte die Dichtkunst für eine unreine Kunst", John Dowland ("Dolen" ausgesprochen) und Bach stellt er über alles andere: "Ich liebe die Musik, weil sie nicht Literatur ist." Anfang Juni starb Michael Hamburger 83-jährig im südenglischen Suffolk – "Sunshine on hoarfrost: / one true winterday." – "Rauhreif im Sonnenlicht: ein wahrer Wintertag."

Erich Klein in FALTER 26/2007



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