Zweischritt

Andrea Grill


Frau Hans legt los

Immer hat es mich gewundert, dass ich mit diesen Dingen Geld verdienen konnte. Eichhornjagd. Falterjagd." Schön, auch einmal einer Naturwissenschaftlerin beim Selbstzweifel über die Schulter zu schauen, obwohl ja just Biologie gemeinhin nicht als "Orchideenfach" gilt. Zugleich ist dieses Ich, das da auf der Jagd nach Eichhörnchen ganz schön in der Welt herumkommt, felsenfest überzeugt: "Die Gesellschaft braucht jemanden, der Schmetterlinge fängt, Gene und Fellfarben der Eichhörnchen studiert, aus Bärenscheiße DNA isoliert; wie sie Schuhmacher braucht, Musiker, Gärtner und Schokoladefabrikanten."
Wenn das so ist, dann braucht sie auch junge Autorinnen, die intelligente Romane schreiben, einen wie "Zweischritt"– der erste, den die Lepidopterologin Andrea Grill (ein gutes Omen: auch Nabokov erforschte Falter!) vorlegt.
Schwindelfrei und trittsicher sollte man bei der Eichhornjagd aber schon sein. Da heißt das Ich "Hans Lokomotiv" und ist trotzdem eine Sie. Steht ständig unter Volldampf und führt, wie ihre Eltern bemängeln, lauter "Parallelleben". Da gibt es einen Mann, dem Hans, ohne es zu wollen, dauernd über den Weg läuft, und zwei andere Männer, die sie gerne trifft – Doppelgänger womöglich?
So manches scheint einen doppelten Boden zu haben, und vielleicht ist hier jemand sich selbst auf den Fersen. Der Zweischritt ist ein Tanz im Zweivierteltakt, er meint aber wohl auch die Sehnsucht nach einem echten Parallelleben, in dem man das ganz andere ausprobieren könnte.
Hier schreibt eine, die mit jedem Satz etwas sagen will, die Mut zur Lücke und zum unfrisierten Gedanken hat. Es sind die genauen, ungenierten Beobachtungen, die diese Prosa schön und aufregend machen, Überlegungen zur "Konversation mit Objekten" oder zur Panik vor dem Wohlsein; es ist die Auslotung des Bodenlosen zwischen den Menschen, es sind die Kippeffekte zwischen Ernst und Komik, die Aperçus. "Ein Wagen ist wie ein Haustier, nur ärger", lautet eine tiefe Einsicht. Und der eine der beiden Männer erklärt das Problem, die geeignete Partnerin zu finden, mit dem einer Unterhaltung am nächsten Morgen: "Jeder sei interessant genug für ein Mittagessen, doch kaum jemand sei interessant genug für ein Frühstück."

Daniela Strigl in FALTER 26/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×