Nach Hause. Neun makrabre Geschichten

Eugen Egner


Es geht ja noch!

Der Schriftsteller und Zeichner Eugen Egner hat zwar wieder ein Buch rausgebracht, macht zurzeit aber am liebsten Krach mit der Gitarre.

Eugen Egner ist nach Hause zurückgekehrt und wohnt jetzt wieder im elterlichen Einfamilienhaus in Oberbarmen, einem Stadtteil von Wuppertal. Wäre Egner - 55, langes Haar, darunter zwei weißgrau schimmernde Schläfenbärte im Stile eines britischen Marineoffiziers - eine von ihm selbst erfundene Figur, er wäre dem sicheren Untergang geweiht. Soeben ist sein jüngstes Buch "Nach Hause" mit "neun makabren Geschichten" erschienen, die allesamt von "bedrohtem Wohnen und Heimatlosigkeit" erzählen, wie der Autor erklärt. Die Orte und Wohnungen der Kindheit werden von den seltsam unerwachsenen Protagonisten oft als paradiesisch erlebt und erinnert, bevor sie sich in Orte des Entsetzens verwandeln. Das Unheimliche ist ja, wie wir seit Freud wissen, die Kehrseite des Heimeligen.

Der Erzählung "Vollstreckung" etwa, in der sich der 49-jährige Herr Bohl mit sündteuren Anrufen bei einer Sexhotline ruiniert, liegt eine persönliche Horrorvorstellung des Autors zugrunde: "Jemand scheitert total im Leben und hat nichts mehr, als zur Mutter zurückzukehren." Auch wenn Egner die Dinge, die ihn wirklich belasten, ganz gerne literarisch aufwertet, entbehrt die Geschichte weitgehend der autobiografischen Grundlage. Mit der Rückkehr ins elterliche Domizil hat "Nach Hause" schon alleine deswegen nichts zu tun, weil es drei Jahre lang druckfertig herumgelegen war, bevor es der Verlag nun endlich doch herausbrachte.

Egner kann auf eine seit Anfang der Neunzigerjahre ständig anwachsende und mittlerweile respektable Liste von Werken verweisen. Einige davon - "Aus dem Tagebuch eines Trinkers", "Als der Weihnachtsmann eine Frau war" oder "Der Universums-Stulp" - sind Klassiker des absurden Humors und der fantastischen Literatur, hatten allerdings das unvorteilhafte Schicksal, beim Haffmans Verlag erschienen zu sein, der 2001 in Konkurs ging. Mittlerweile erscheinen Egners Bücher bei Zweitausendeins, aber auch dort ist die Werkausgabe ins Stocken geraten. Und mit der neuen PR-Linie spießt es sich auch: "Irgendwer hat mal geschrieben, das sei wie Poe, nur lustiger. Jetzt hat der Verlag mich da irgendwie als deutschen Poe-Nachfolger aufgebaut, nur schreib ich so schon längst nicht mehr."

Einerseits geht dem 55-Jährigen alles zu langsam - "Es geht ja noch, ich bin doch kein ältlicher Typ!" -, andererseits verspürt er auf den angestammten Gebieten wenig bis überhaupt keinen Schaffensdrang. Vor fünf Jahren hat der Zeichner, dessen Cartoons und Bildgeschichten unter anderem in der Titanic erschienen, den Stift mit dem Gefühl weggelegt, alles schon mitgeteilt zu haben: "Der Sog war einfach nicht mehr stark genug."

Statt aber wie sein Protagonist Bohl "in völliger Passivität abzuwarten, bis die Welt sich seiner entledigte", kaufte sich Egner eine billige Stratocaster und begann nach zwanzigjähriger Pause wieder Gitarre zu spielen. Auf dieser hat er in einem Jahr mehr Fortschritte erzielt als in den zwei Jahrzehnten gitarristischer Aktivität davor. Ginge es nach Egner, würde er - "recht brachial, aber schon rhythmisch" - nur noch Gitarrenkrach machen.

24 Minuten ohne Absetzen, das ginge schon, erklärt Egner nicht ohne Stolz: "Die unten waren völlig platt, richtig umgemäht." Mit dem Free-Rock-Trio Gorilla Moon kann er den Jungen beweisen, dass er "kein alter Sack" ist, den Leuten der eigenen Generation entlockt er gar Tränen der Rührung: "Die fielen mir buchstäblich um den Hals - mit Tränen in den Augen:, wie in alten Zeiten!'" Und auch für diejenigen, die Egner als Schriftsteller und Zeichner schätzen, gibt es noch Hoffnung: "Schließlich habe ich auch zwanzig Jahre keine Musik gemacht und war mir vollkommen sicher, dass da nix mehr kommen würde." Genau. Da geht noch was!

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2007



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