Die Geschichte der Wapshots

John Cheever


Was für ein wunderlicher, was für ein wunderbarer Roman aber auch! Verwunderlich zunächst, weil John Cheever (1912–1982) doch gerne in einem Atemzug mit Raymond Carver genannt und gleich diesem als Meister der modernen Short Story verehrt wird. Von dem lakonischen Reduktionismus, den man demgemäß erwarten würde, ist in diesem, 1957 im Original ("The Wapshot Chronicle") erschienenen Buch aber nichts zu finden. Stattdessen herrscht ein detail- und facettenfreudiges, unterschiedliche Stimm- und Stimmungslagen launig durcheinanderwirbelndes Erzählen, dem der Schalk ebenso im Nacken sitzt wie der Ernst des Lebens. Eine Familienchronik wird hier mit einer umschweifigen Bedächtigkeit abgespult, die einen mitunter vermuten lässt, man befände sich am Ende des 19. statt inmitten des 20. Jahrhunderts.
Aber wer sagt denn, dass das Leben als jener reißende Strom aufzutreten habe, der dem armen Leander Wapshot die S.S. Topaze auseinanderreißt, worauf der kleine Dampfer von Mrs. Wapshot glatt in Neuenglands "einzigen schwimmenden Souvenirladen" verwandelt wird. Die Männer haben's nicht leicht – auch nicht Leanders Söhne Moses und Coverley, denen die Erbschaft der reichen Tante nur im Zeugungsfalle zufällt –, und dennoch gewinnen sie gerade in ihrer Tollpatschigkeit eine Würde, die einen zu Tränen rührt. "Bewundert die Welt", rät der Vater den Buben in seinem Vermächtnis. Ay, ay Sir!

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2007



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