Das Ärztehasserbuch. Ein Insider packt aus

Werner Bartens


Emergency Room

Während die Tageszeitung Österreich den beliebtesten Vertreter der hierzulande beliebtesten Berufsgruppe wählen lässt, stehen die Mediziner in Deutschland gerade kollektiv am Pranger. Auslöser ist "Das Ärztehasserbuch". Der Titel ist Verlagsmasche. Schon "Das Lehrerhasserbuch" und "Das Bahnhasserbuch" haben glänzenden Absatz gefunden, und das von vielen Ärzten geforderte Journalistenhasserbuch ist wohl schon in Arbeit. Der Autor des Aufregers hat nämlich das Lager gewechselt: Werner Bartens war Assistenzarzt, bevor er Journalist wurde, inzwischen ist er Medizinredakteur der Süddeutschen Zeitung.
Schon in seinen bisherigen Büchern versammelte er Anekdoten und Trivia aus dem Gesundheitswesen. An die Erfolge seines Rivalen Jörg Blech ("Die Krankheitserfinder") vom Spiegel kam er jedoch nicht heran, bis die Bild-Zeitung Bartens' neues Werk auf Seite eins hob und serialisierte. Seitdem tourt er als Beschmutzer seines früheren Nests durch Talkshows, während sich "Das Ärztehasserbuch" in weniger als zwei Monaten 200.000fach verkauft hat.
Bartens schildert darin etwa die Abstumpfung, die er an sich selbst erlebt hat. Einer Patientin, die ihn fragte, ob sie sterben müsse, entgegnete er: "Jeder muss mal sterben." Oder wie er sich bei einem eigenen Arztbesuch fürchterlich fremdschämte. "Wir können ja offen reden", setzte der Kollege in der nur durch einen Vorhang getrennten Kabine neben ihm an, bevor er der Patientin erklärte, wie er ihre Analwarze zu behandeln gedachte.
Die heißeste Story handelt von den Ärzten einer deutschen Klinik, die einen internen Wettbewerb ansetzte und dabei die Operationszeiten stoppen ließ. Die Jagd nach dem Klinikrekord für einen Kaiserschnitt soll eine junge Frau das Leben gekostet haben. Anders als der Enthüller Blech nennt Bartens weder Ort noch Quelle, sondern setzt auf Läuterung aus dem Ungefähren. Vergnüglich schließt die Erzähltherapie mit einer Blütenlese aus dem Ärztejargon: "Absolutes Risiko" heißt es, wenn ein Patient an einen unerfahrenen Jungarzt gerät, "relatives Risiko", wenn der Chefarzt den Privatpatienten persönlich operiert, obwohl er den Eingriff seit Jahren nicht mehr praktiziert hat.

Stefan Löffler in FALTER 25/2007



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