Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens. Erinnerungen

André Glucksmann, Bernd Wilczek


Die Frage, ob die Erinnerungen eines Philosophen philosophisch sein müssen, stellt sich bei André Glucksmann nicht. Schließlich hat der Sohn österreichischer, vor Hitler nach Frankreich geflohenen Kommunisten, das Ende der "Meisterdenker" deklariert und mit den "Neuen Philosophen" eine ganze Tradition philosophierender Journalisten begründet. Seine Memoiren schreiten die wichtigsten Stationen eines französischen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Der Denker des Krieges und der Abschreckung, der sich in den 80ern mit der Friedensbewegung wilde Gefechte lieferte, begründete seinen Ruhm mit "Köchin und Menschenfresser" (1975). Polemik wie jene gegen den westlichen Marxismus im Gefolge von Solschenizyns "Archipel Gulag" hält der "Supermenschenrechtsdenker", Foucault- und Havel-Freund auch heute – am 19. Juni wird er 70 – im Streit mit Weltverbesserern aller Couleur für angebracht.
Glucksmanns fast persönlicher Feind ist Wladimir Putin: Grosny sei Guernica hoch zehn, Russlands Entwicklung – "Modernisierung ohne Zivilisation" – das Schreckensbild unserer eigenen Zukunft: Was bleibt? Dichtung, die Apotheose radikaler Diesseitigkeit, ein waches Gewissen und keine Scheu vor Pathos: "Will man wirklich mutig sein, muss man die Gefahr fürchten und ihr standhalten. Sich zu fürchten heißt denken. Standhalten, sich widersetzen."

Erich Klein in FALTER 25/2007



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