Über Totschweigen und Schönreden. Gesammelte journalistische Schriften, herausgegeben von...

Hubertus Czernin


Einspruch aus Leidenschaft

Wenn etwas bei mir auffällt, dann, dass ich gern gegen den Stachel löcke. Wenn etwas in eine Richtung rennt, kriege ich große Lust, dagegen loszumarschieren. Das war im Fall Waldheim so, das ist jetzt bei der Asylfrage so." Diese Selbstcharakteristik des Publizisten Hubertus Czernin las man in einem Falter-Interview. Nun, zu seinem einjährigen Todestag am 10. Juni, liegt der erste Band seiner auf fünf Bände angelegten gesammelten Schriften vor.
Das Ausmaß und die Qualität von Czernins Widersetzlichkeit lassen sich anhand dieser Textsammlung umfassend überprüfen. Außerdem liest sie sich wie ein Panoptikum österreichischer Zeitgeschichte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts; es liegt in der Natur der Sache, nicht am Berichterstatter, dass die Sammlung der Köpfe und Ereignisse das Einverständnis mit dem Bestehenden nicht gerade befördert. Ohne Czernins Recherchen wäre Waldheim wohl nie zum Fall geworden. Das Thema Kunstrestitution hätte ohne ihn noch länger gebraucht, auf die österreichische Agenda zu kommen. Der Fall Haider beschäftigte ihn seine ganze Karriere hindurch, wobei er es als mindestens genauso großen Skandal empfand, dass die österreichische politische Klasse nicht verstand, inwiefern ihr Verhalten Haiders aufhaltsamen Aufstieg begünstigte. Ein öffentliches Ärgernis, das keiner als solches empfand, regte ihn umso mehr auf. Czernin war erregbar, wie alle wahren Publizisten. Seine engagierte Erregbarkeit war ungewöhnlich inmitten von Leuten, die stets für kühlen Kopf plädieren und in Wirklichkeit bloß kalte Füße haben. Hubertus Czernin stellte weder die eigene Karriere noch das Wohl einer Partei oder Interessensgemeinschaft in den Vordergrund, sondern sein Interesse an der Sache. Ins profil brachte er tatsächlich die angestrebte Widersetzlichkeit, am Ende um den Preis seiner eigenen Absetzung. Vermutlich, weil seine Art journalistischer Widerborstigkeit in der Ära des Fellnerismus unzeitgemäß wirkte. Möglicherweise aus ökonomischen Gründen – er fand, guter Journalismus habe seinen Preis.
Czernin arbeitete danach als freier Journalist, publizierte dann als Standard-Autor jene Artikel zur Restitution, die schließlich zur Rückgabe der Klimt-Bilder führten, und gründete nach einem Intermezzo beim Molden Verlag seinen Czernin Verlag. Wie immer ging es dem Publizisten ums Publizieren. Nicht bloß nur ums eigene. Er ließ nicht davon ab, anzuregen, aufzustacheln, Kräfte zu bündeln, Recherchen in Gang zu bringen. So setzte der Publizist Czernin widersetzliche Kräfte frei, die sich ohne ihn nicht hätten entfalten können. Was immer er tat, er folgte stets seinem publizistischen Grundimpuls. Wer ihn liest, merkt schnell, dass sich dieser Grundimpuls in Widerborstigkeit und Gegen-den-Stachel-Löcken nicht erschöpft. Die unermüdliche Ausdauer des Publizisten Czernin lässt sich nicht mit bloßer Leidenschaft fürs Dagegensein erklären. Es sei denn, das Dagegensein wäre ein Ausdruck von Liebe. Von unglücklicher, verquerer, aber nicht nachlassender, vielleicht sogar vom Widerspruch gegen sich selbst getriebener Liebe zu einem schwer zu bessernden, weil allzu guten Land.
Die Herausgeber, Czernins drei Töchter Sophie, Johanna und Antonia Czernin sowie der Anwalt Alfred J. Noll, haben mehr als 4000 Seiten Texte von Hubertus Czernin zusammengestellt und thematisch gruppiert. Dem ersten, soeben erschienenen Band folgen in den nächsten sechs bis acht Wochen die weiteren vier.

Armin Thurnher in FALTER 24/2007



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