Das ewige Leben der Albaner

Ornela Vorpsi


Neue Bücher

"Gewisse Regeln entstehen in der Mentalität eines Volkes auf ganz natürliche Weise, sie wachsen wie die Blätter am Baum. Diese Regeln beruhen bei uns allesamt auf einer einzigen Annahme: Ein hübsches Mädchen ist eine Hure, ein hässliches – die Ärmste! – ist keine. "
Gleich zu Beginn schlägt die 1968 in Tirana geborene, 1991 nach Mailand ausgewanderte und heute in Paris lebende Ornela Vorpsi jenen zwischen Pseudonaivität und Sarkasmus oszillierenden Ton an, der typisch ist für dieses schmale Buch. Angeblich ist es ein Roman, tatsächlich handelt es sich um ein Patchwork von Anekdoten und kurzen, wohl der eigenen Biografie entlangerzählten Episoden, die einmal den Irrtum von der Prüderie des Totalitarismus widerlegen: Die bigotten, verdrucksten Machos haben sowieso nur eines im Kopf, aber auch die pubertierenden Schülerinnen sind stark mit dem "prächtigen Arsch" der Klassenkollegin befasst. Neben sexuellen Fantasien blühen Verrat und Verlogenheit, Denunziation und Angst. Der Vater der Ich-Erzählerin wird auf einmal ins "Umerziehungslager" gesteckt; eine Mutter und ihre Tochter werden "interniert" und hängen sich mit einem Elektrokabel auf.
So ähnlich haben wir uns Albanien vorgestellt, und auch Tirana birgt wenig Überraschendes: "Nach trübem Regenwetter kann plötzlich tagelang großzügig die Sonne scheinen."

Klaus Nüchtern in FALTER 24/2007



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